Wasser Agenda 21 / Strukturierungsmassnahmen

18/71 4 Mesohabitate und Unterstände 4.1 Relevanz von Mesohabitaten Ein natürliches Fliessgewässer weist eine Abfolge von Sohlenformen auf, die sich wiederholen, solange die geomorphologischen Gegebenheiten des Gewässers ähnlich bleiben. Im ökologischen Kontext werden die einzelnen Einheiten Mesohabitate genannt. Im wasserbaulichen Kontext spricht man oft von Sohlenstrukturen. Dieser Begriff wird auch in der Wirkungskontrolle des BAFU zur Gewässermorphologie verwendet (BAFU, 2019 a), wobei dort die Sohlenstrukturen gleich definiert werden wie die Mesohabitate im vorliegenden Bericht. Mesohabitate bzw. Sohlenstrukturen sind in sich relativ homogene Bereiche, die sich voneinander vor allem in der Wassertiefe, der Fliessgeschwindigkeit und der Korngrösse des Sohlenmaterials unterscheiden (Hawkins et al., 1993). Die Verteilung der Mesohabitate ist über einen längeren natürlichen Fliessgewässerabschnitt nicht zufällig, sondern abhängig von den hydrologischen und geomorphologischen Eigenschaften des Gewässers (Patt et al., 2011). Eine solche typische Abfolge der Mesohabitate nennt man Mesohabitatabfolge oder Mesohabitatsequenz (Buffington und Montgomery, 2022). Das bekannteste Beispiel ist die Kolk-Furt-Sequenz. Jede Mesohabitatsequenz wird von zusätzlichen peripher gelegenen Mesohabitaten begleitet (z. B. Flachwasser). Die verschiedenen aquatischen Lebewesen weisen unterschiedliche Ansprüche an ihren Lebensraum auf (Jungwirth et al., 2003). So benötigen viele Fischarten je nach Zeitpunkt in ihrem Lebenszyklus bestimmte Mesohabitate. Die Häufigkeit und Fläche sowie die räumliche Verteilung und Vernetzung der Mesohabitate haben deshalb einen direkten Einfluss auf die Gewässerlebewesen (Jungwirth et al., 2003). Beispielsweise schlägt die Forelle ihre Laichgruben in lockerem seicht überströmtem Kies (Heggenes und Elliott, 2002). Diese Laichgruben liegen oftmals in Furten, am unteren Ende eines Kolks oder im Randbereich einer Schnelle (Abbildung 1). Die geschlüpften Brütlinge benötigen seichte Bereiche mit einer geringen Strömung (Flachwasser). Juvenile Forellen besiedeln bevorzugt gut strukturierte Habitate, die stärker durchströmt sind (z.B. Schnellen, Furten). Adulte Forellen wiederum brauchen mehr Raum, gute Versteckmöglichkeiten und tiefe Stellen im Gewässer (Kolke mit Strukturierungsmassnahmen wie Totholz, Furten). Somit kann eine gut strukturierte FurtKolk-Sequenz mit in Ufernähe gelegenen Flachwasserzonen sämtliche von den Forellen benötigten Lebensräume abdecken. Je höher die Dichte dieser Habitate ist, desto grösser ist die Forellenbiomasse, die im Gewässerabschnitt vorkommen kann (Fierz, 2009). Die Schaffung von Unterständen und Mesohabitaten erfordert den Einbau von unterschiedlichen Strukturen: Mesohabitate: Damit mit der Gewässerdynamik unterschiedliche Mesohabitate entstehen können, sind – insbesondere in grösseren Fliessgewässern – grosse aber wenige Strukturen notwendig. Diese werden dabei i.d.R. auch als Unterstände dienen. Unterstände: Kleinere Strukturen dienen oft nur als Unterstände und wirken morphologisch oftmals nur auf der Ebene des Mikrohabitats. Sie tragen jedoch nicht oder kaum zur Mesohabitatvielfalt bei. Die Dimensionierung und Positionierung der Strukturen relativ zur Strömung ist deshalb entscheidend dafür, ob Unterstände und Mesohabitate gemeinsam oder nur Unterstände allein entstehen.

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