Wasser Agenda 21 / Strukturierungsmassnahmen

6/71 1 Einleitung 1.1 Fliessgewässer in der Schweiz Die Fliessgewässer sind wesentliche Bestandteile der Natur und Landschaft und dienen als verbindende Lebensadern, die Ökosysteme vernetzen. Intakte Flüsse und Bäche prägen und gestalten Landschaften, transportieren Wasser, Geschiebe und organische Stoffe (z.B. Holz, Laub) und lagern Sedimente um. Sie bilden so Lebensräume für zahlreiche Pflanzen und Tiere und tragen im hydrologischen Austausch mit dem Grundwasser zu sauberem Trinkwasser bei. Ein naturnahes Fliessgewässer ist dynamisch und verändert seine Morphologie gemäss den Abflussverhältnissen. Dadurch unterliegen die Lebensräume in und an einem Fliessgewässer ständigen Veränderungen. Dieses natürliche Wechselspiel führt zu einer Vielfalt von Kleinhabitaten, in denen sich eine angepasste, artenreiche Flora und Fauna entwickeln kann. Periodische Hochwasserabflüsse sind die treibende Kraft hinter dieser Dynamik (Zeh Weissmann et al., 2009). Die Heterogenität der Lebensräume spiegelt sich in der Vielfalt der Arten wider: Naturnahe Gewässer sind für den Erhalt der Biodiversität zentral. Rund 80 Prozent aller in der Schweiz bekannten Pflanzen- und Tierarten kommen in Gewässern und den direkt anliegenden Ufer- und Auenlebensräumen vor. Viele Organismen benötigen das enge Nebeneinander der verschiedenen Lebensräume; je nach Jahreszeit oder Lebensphase nutzen sie einen anderen Bereich (Fischer et al., 2015). Die gestaltenden periodischen Hochwasser waren aber auch der Anlass für menschliche Eingriffe in die Gewässer. Über Jahrhunderte hinweg wurden Gewässer reguliert, kanalisiert, begradigt und eingeengt, um den Hochwasserabfluss zu kontrollieren und gleichzeitig Kulturland zu gewinnen. Heute sind fast alle Schweizer Gewässer stark verbaut. Gemäss der ökomorphologischen Kartierung befinden sich 46 % der Flachlandgewässer unter 600 m.ü.M. in einem strukturell stark beeinträchtigten bzw. künstlichen Zustand. Ein ökomorphologischer Revitalisierungsbedarf wird für rund 10'800 Gewässerkilometer und rund 50'000 künstliche Hindernisse ausgewiesen (Zeh Weissmann et al., 2009). Durch die menschlichen Eingriffe wurde das dichte, fein verästelte Netz aus Bächen und Flüssen ausgedünnt und monoton. Viele Gewässerlebensräume sind verschwunden. Die aquatischen Tier- und Pflanzenarten sind von einem starken Rückgang der Biodiversität betroffen (Fischer et al., 2015). Seit 1850 wurden 70 % der Auen zerstört. 74 % der heimischen Fischarten gelten als ausgestorben oder in ihrer Existenz bedroht. Die aquatischen Ökosysteme in der Schweiz gehören damit zu den Lebensräumen mit dem höchsten Verlust an Biodiversität (BAFU, 2023a). Der Klimawandel setzt die Fliessgewässer mit ihren Ökotonen zusätzlich unter Druck (BAFU, 2021a). 1.2 Aufwertung und Wiederherstellung der Fliessgewässer Mit der Revision des eidgenössischen Gewässerschutzgesetzes im Jahr 2011 werden die Kantone zur Revitalisierung von Fliessgewässern verpflichtet. Als Revitalisierungen gelten nach Art. 4 lit. m des Gewässerschutzgesetzes (GSchG) die Wiederherstellung der natürlichen Funktionen eines verbauten, korrigierten, überdeckten oder eingedolten oberirdischen Gewässers mit baulichen Massnahmen. Auch im Rahmen von Hochwasserschutzprojekten oder von ökologischen Ersatzmassnahmen sind die Gewässer ökologisch aufzuwerten (Art. 4 Wasserbaugesetz). Aufwertungs-, resp. Wiederherstellungsmassnahmen erfolgen üblicherweise in Wasserbauprojekten, in welchen den Gewässern nach Möglichkeit mehr Platz gegeben und der gesamte Gewässerraum gestaltet wird. Das Ziel der Wasserbauprojekte ist die morphologische und ökologische Aufwertung des Fliessgewässerabschnittes und möglichst auch das eigendynamische Bilden von Lebensräumen und Strukturen (z.B. Steilufer). Projekteinschränkungen (zum Beispiel durch räumliche Restriktionen) können aber dazu führen, dass keine grossräumigen eigendynamischen Prozesse wie z.B. Laufverlagerungen oder die Überflutung von Auen stattfinden können. In der Praxis kommt als Ergänzung vermehrt auch der Einbau von Strukturierungsmassnahmen zum Einsatz (Neuhaus und Mende, 2021). Mit Strukturierungsmassnahmen können in einem Flussabschnitt trotz räumlicher Restriktionen morphologische und ökologische Aufwertungen erreicht werden. Wasserbauprojekte mit mehr Raum für

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