14/71 3 Ökologische Ziele von Strukturierungsmassnahmen Gemessen an natürlichen Vergleichsstrecken mit hohem Strukturreichtum lassen viele unserer Gewässer starke Defizite erkennen, was sich in der Folge sowohl auf die Gewässermorphologie als auch auf weitere Aspekte wie Hydrogeologie, Biologie und Ökologie negativ auswirkt. Stark vereinfacht gesagt, haben Strukturierungsmassnahmen daher zum Ziel, die erkennbaren Defizite nach Möglichkeit zu beheben (Kap. 2). Der Grad der Zielerreichung wiederum kann mittels Wirkungskontrollen festgestellt werden (Kap. 9). Zentral für die Formulierung von erreichbaren Zielen ist also ein Verständnis für die natürlichen Zusammenhänge, die anthropogen bedingten Defizite, aber auch für projektspezifische Rahmenbedingungen und Grenzen, die bei der Wiederherstellung natürlicher Strukturvielfalt bestehen können. Das vorliegende Kapitel schärft dieses Verständnis, damit vorhandene Aufwertungspotenziale möglichst erkannt und begriffen werden, ohne dass die Ergebnisse aber hinter unrealistisch hohen Erwartungen zurückbleiben. 3.1 Natürlicher Strukturreichtum Natürliche Strukturen in Fliessgewässern tragen wesentlich dazu bei, ein vielfältiges Lebensraumangebot zu schaffen. Sie fördern die aquatische Nahrungskette und eine Reihe von physikalischen und ökologischen Prozessen. − Bei Fliessgewässern ohne anthropogenen Einfluss wird die Gewässermorphologie neben dem dynamischen Abfluss- und Geschieberegime vor allem durch Totholz sowie Biberaktivität stark geprägt. Die biotischen Prozesstreiber (Vegetation/Totholzregime und Biberaktivität) ziehen dabei am selben Strick. Sie verzögern Abfluss und Geschiebetransport deutlich, schaffen i.d.R. relativ hohe mittlere Sohlenlagen, steigern die Grundwasserbildung (Wohl et al., 2019) und erhöhen die morphologische Komplexität (Aufteilung Einzelgerinne in Mehrfachgerinne, Schaffung mehrjährig stabiler Nebenarme in der Aue (Collins et al., 2012; Cluer und Thorne, 2014)). − Die resultierende natürliche Hydrogeomorphologie ist gekennzeichnet durch einen hohen hyporheischen Austausch, einen enormen Rückhalt von Nährstoffen und Sedimenten, sowie einer hohen Konnektivität mit der gerinnenahen Umgebung bzw. der natürlichen Aue. Dadurch sind Wasserdargebot und Wassertemperatur des Fliessgewässers natürlicherweise stark gepuffert (Klimaresilienz) bei gleichzeitig hoher Verfügbarkeit, Diversität und Komplexität von Habitaten (Biodiversitätsförderung) (Wohl, 2024; Verdonschot und Verdonschot 2024). 3.2 Ursache und Wirkung von Defiziten Aufgrund der vielerorts durchgeführten Gewässerkorrektionen, der fehlenden Naturprozesse (Rückgang Geschiebe- und Totholzeintrag sowie Biberaktivität) und auch der teils stark eingeschränkten Dynamik (Abflussdynamik und Geschiebedurchgängigkeit ist oft beeinträchtigt durch Massnahmen wie Hochwasserrückhaltebecken, Geschiebesammler und Wasserkraftnutzung) besteht heute bei den allermeisten Schweizer Gewässern ein starkes Strukturdefizit wie auch eine unnatürlich eingetiefte Sohlenlage, woraus insgesamt ein grosser Mangel an Lebensräumen für daran angepasste, gewässertypische Tier– und Pflanzenarten resultiert. Insbesondere der Mangel an Totholz im Gewässer betrifft auch viele Fischarten empfindlich. Folgende Ausführungen verdeutlichen, weshalb gerade unsere heimische Bachforelle so stark unter Strukturmangel leidet: − Weil natürliche Grobstrukturen und Fliesswiderstände in kanalisierten Gerinnen fehlen, kommt es im Zusammenspiel mit mangelnder Abfluss- und Geschiebedynamik zu starker Kolmatierung und somit Verhärtung der Sohle, wodurch die zur Eiablage nötigen lockeren, durchströmten Kieszonen fehlen. − Den Jungfischen mangelt es wiederum an ufernahen Strukturen, die ihnen strömungsberuhigte Zonen und Verstecke vor Fressfeinden bieten. − Den adulten Tieren schliesslich fehlt es an ihrem bevorzugten Gebiet an geeigneten Stellen für die Nahrungsaufnahme. Auch fehlt generell das Nahrungsangebot, da die Basis der aquatischen Nahrungskette in strukturarmen Gerinnen stark ausgedünnt ist (auch viele Fischnährtiere sind auf Totholz im Gewässer angewiesen).
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