Zwei Bilder – ein Leben Die rechts aussen mit dem Pickel bin ich, 4545 Meter hoch auf dem Dom! Wir waren im Lager für Blauringführerinnen in Randa. Der Pfarrer in der Bildmitte sagte, er gehe auf den Dom. Ich fragte ihn, ob er mich mitnehme. Wir gingen in zwei Seilschaften. Beim Hinuntergehen verriet ich ihm, dass ich ins Kloster gehe. Seine Antwort war: «Du spinn’sch ja!» Und später schob er nach: «Jetzt hast du mit dieser Kletterei so etwas Verrücktes gemacht, du wirst auch diese Verrücktheit durchstehen». Für mich ist es das Richtige gewesen. Aber hart war es, denn mein Vater hat es nicht verstanden, obwohl wir eine spezielle Beziehung zueinander hatten. Jahre später forderte ich ihn beim Spaziergang heraus: «Denkst du immer noch, ich hätte etwas Dummes gemacht?» «Nein», sagte er, «ich habe das Gefühl, dass es dir besser als allen andern geht, du bist am rechten Ort, mach weiter so.» Genau diesen Satz habe ich noch gebraucht, das hat mir sehr geholfen. Die Mutter hatte Verständnis, sie wollte ja auch ins Kloster. Als mein Vater «dazwischen» kam, ging sie zum Stadtpfarrer. Der sagte: «Der Josef Widmer, das ist ein seriöser Mann. Du wirst sicher schneller eine Frau Mutter, wenn du heiratest, als wenn du ins Kloster gehst.» Und so war’s, sie wurde Mutter von acht Kindern. Wir mussten viel mithelfen in der grossen Gärtnerei, die unser Vater über die Jahre aufbaute, hatten es aber gut miteinander. Wann immer ich konnte, engagierte ich mich in der neu entstehenden Pfarrei Wettingen. Meine Mutter klagte hie und da: «Daheim arbeitest du und hast Kost und Logis, sonst aber bist du immer dort.» Nach der Sekundarschule gehörte es bei uns zum guten Ton, ein Welschlandjahr zu machen, ich war in Châtel-Saint-Denis. Weil es der Mutter damals gesundheitlich nicht so gut ging, wollte Vater, dass ich nachher ein Jahr daheimbleibe. Ich beharrte darauf, bei ihm Sr. Pia Widmer war die Klostergärtnerin die Lehre als Gärtnerin zu machen, denn ich wollte nicht plötzlich ohne Ausbildung dastehen. Ab dem zweiten Lehrjahr war ich viel im Blumenladen, der sollte einmal mir gehören. «Das isch dr’Ursle ire Blumenlade», so sagte er jeweils. Und es stimmt, ich hatte den Kontakt mit den Kunden sehr gerne. Wie ich nach Baldegg kam? Ich kannte weder eine Baldegger Schwester, noch das Kloster. An einem Festtag war ich zu Besuch dort. Überall war es festlich geschmückt mit Blumen. Das gefiel mir, und ich dachte, wenn schon, dann hier. Eingetreten bin ich 1959, und zwar mit einem Gips. Vor dem Eintritt wollte ich noch einmal in die Skiferien. Kaum in Davos angekommen, wollte mein Bruder unbedingt auf die Skipiste, bei der zweiten Abfahrt war für mich bereits Schluss. Ich lag dann vier Wochen flach, man operierte halt noch nicht häufig. Mein Vater sagte: «Jetzt hat sie Zeit zum Überlegen, nun bleibt sie sicher daheim.» Doch ich sagte mir: «Jetzt oder nie!» Im Kloster – so erzählte man mir später – war man unsicher, ob ich wirklich eintrete. Dort soll man gesagt haben: «Jetzt hat sie Zeit zum Nachdenken, nun kommt sie sicher». Nach der Profess hat man mir gleich die Verantwortung für die Klostergärtnerei übergeben. Ich wollte mich aber noch besser ausbilden und ging ein Jahr nach Oeschberg, um die Meisterprüfung zu machen. Vierzig Jahre lang leitete ich die Klostergärtnerei. Ich habe alles erlebt: den Rückbau der alten Gärtnerei, den Aufbau der neuen Klostergärtnerei und dann – ich war gerade 65 Jahre alt – die Übergabe an die Brändi Stiftung. Das war ja schon recht, aber für mich ging das damals zu schnell. Warum ich mehr und mehr in die Betreuung der behinderten Mitarbeitenden hineinrutschte, weiss ich nicht. Ich wohnte viele Jahre zusammen mit ihnen im Haus St. Agnes und später im Haus St. Jost. Und heute bediene ich die Mitarbeitenden der Brändi, wenn sie zu uns zum Mittagessen kommen. Ich mache das gerne. Ich bin froh, dass ich nebst der strengen Arbeit in der Gärtnerei und der Betreuung der Behinderten Freude am Studium des Judentums bekam. Das wohl, weil ich mehrmals in Israel war. Ich las Bücher, besuchte Kurse im Lehrhaus in Zürich und nahm auch Kontakt auf mit Ben Chorin, dem berühmten Rabbiner. Mit ihm pflegte ich einen regelmässigen Austausch, zweimal kam er nach Baldegg. Das alles hat mir viel gegeben und eine neue Sicht ermöglicht auf den Glauben. mrz
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