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Kloster Baldegg

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Nr. 50 Kloster Baldegg BaldeggerJournal Vom Aufbrechen und Ankommen

2 Forum Herzlichen Dank für das entspannende und aufbauende BaldeggerJournal. Es ist immer eine echte Freude es zu lesen. Bravo! J.B.;R. Vielen herzlichen Dank für das BaldeggerJournal. Werde es noch manchmal lesen. Ch.G.;W. Für Ihre Weihnachtspost und das Journal danken wir Ihnen herzlich. Wir freuen uns immer über die Verbundenheit mit dem Kloster. H.+J.E.;H. Vielen Dank für das Journal mit den guten Beiträgen. Sehr interessant sind auch die Lebensläufe der Schwestern. M.T.;K. Das BaldeggerJournal «Vom Draussen und Drinnen» — was für eine Schatztruhe, Orientierung, Seelennahrung! Immer wieder muss ich darin lesen. Heute erinnerte ich mich an das Gedicht ‹Epirrhema›, das der Naturforscher und Dichter Goethe vor 199 Jahren zu diesem Thema schrieb. Dann las ich auf Seite 6 einmal mehr den Text von Sr. Renata Geiger, sah unter ihren Schlussworten meinen Bleistiftkommentar ‹Was für tiefe wahre Gedanken›! — Darüber betrachtete ich das Bild der Schwester, die sich aus dem Wirken im Draussen ins Innere der Klausur zurückbegibt — Man kann wohl nicht deutlicher dieses ‹heilig öffentlich Geheimnis› aufzeigen, dass wir beides brauchen um in einem gesunden Gleichgewicht zu bleiben im Draussen und im Drinnen. Danke! K.H.;M. Ja, Draussen und Drinnen! Es gibt Unterschiedliches: Orte, wo man gerne hineinschaut und eintritt. Oder solche, wo man lieber draussen bleibt und weiterzieht. Sr.M.Sch.;S. Das BaldeggerJournal ist für mich immer wieder eine Bereicherung. Es gibt immer wieder interessante Artikel und Geschichten zu lesen. Ja, möge das Fest der Liebe alle Herzen berühren, dass es wieder friedlicher wird auf dieser Welt. St.P.;L. Seit Jahren erhalte ich das BaldeggerJournal und habe viel Interessantes gelesen und erfahren. Die Lebensgeschichten von den Baldegger Schwestern sind spannend und haben mich immer berührt. Bin nicht mehr so konsequent mit Lesen von diesem schönen Heft, darum bitte ich Sie, meinen Namen aus der Adressliste zu streichen. Ich danke Ihnen bestens und wünsche dem ganzen Team, den Baldegger Schwestern und allen Menschen die in Ihrem HAUS aus und ein gehen alles Liebe & Gute. V.B.;S. Gestern habe ich das Journal von Baldegg bekommen. Ich lese es gern und staune immer über die sinnvollen Beiträge. Th.A.;U. Nach wie vor freuen wir uns über die Beiträge im Baldegger Journal. Sr.B.M.;A. Heute ist das spannende BaldeggerJournal angekommen, was mich immer wieder erfreut. Damit es künftig nicht untergeht, sende ich Ihnen gerne meine neue Adresse. Y.St.;A. Ich freue mich stets über Post aus Baldegg. Damit dies weiterhin so bleibt, gebe ich gerne meine Adressänderung durch. R.M.-H.;U. Vielen Dank für die Weihnachtswünsche! Ich lese das Baldegger Journal immer mit Begeisterung und kann vieles in den Alltag mitnehmen. Mit Baldegg bleibe ich verbunden. D.+P.Sch. Vielen herzlichen Dank für die guten Wünsche und das BaldeggerJournal mit seinem gehaltvollen und geistig anregenden Inhalt. Pfr.E.;H. Impressum BaldeggerJournal Nr. 50 | 2026, zweimal jährlich Herausgeberin Kloster Baldegg, CH-6283 Baldegg, T: 041 914 18 00 e-Mail info@klosterbaldegg.ch Homepage www.klosterbaldegg.ch Redaktionsteam Sr. Beatrice Kohler, Sr. Boriska Winiger, Sr. Marie-Ruth Ziegler, Sr. Nadja Bühlmann. Sr. Renata Geiger Grafik grafikcontainer gmbh, Luzern Druck merkur medien ag, Langenthal Copyright bei BaldeggerJournal Lektorat Sr. Boriska Winiger, Sr. Marie-Stefan Würsch Fotos Sr. Marie-Ruth Ziegler: Titelseite, Seiten 4, 5, 13, Rückseite «Created by humans intellect, bildographie.swiss, Seite 7 Etel Keller, Seite 9 illpaxphotomatic, Shutterstock, S. 10/11 Sr. Beatrice Kohler, Seite 15 BSZ, Steinen, Seite 18 photo rubin, olten, Seite 19 Der Redaktion zur Verfügung gestellt: Seiten 6, 10, 17 Postcheck-Konto Verein Kloster Baldegg, 6283 Baldegg | PC 60-984-8 | IBAN CH16 0900 0000 6000 0984 8 | Vermerk: BaldeggerJournal Post Bank

3 Liebe Leserin, lieber Leser Um ehrlich zu sein: Aufbrechen und Ankommen lösen in mir ein Gefühl von Hektik und Stress aus. Da ist mir «die mittlere Gewöhnlichkeit» schon lieber, die der Theologe Karl Rahner beschrieb. Dieses «Wohnen in der Gewöhnlichkeit des Lebens» verstand er als Übergang, als nüchternes Durchhalten in der Hoffnung, die Geduld und Mut erfordere. Dann könne sie zum Segen werden. Das tröstet mich. Andere können und konnten mit dieser «mittleren Gewöhnlichkeit» des Lebens nicht viel anfangen. Angela Bausch beispielsweise. Im Austausch mit Sr. Hildegard verrät sie, dass sie nicht weiss, wo sie jetzt stehen würde, wenn sie nicht einfach mal losgerannt wäre. Auch Franz von Assisi war wohl so einer wie sie. Er provozierte den Ausbruch aus dem familiären Wohlstand. Nur so, mutmasst Sr. Nadja auf Seite 14, konnte er Herzen für den Frieden aufbrechen. Um Franziskus besser auf die Spur zu kommen, ist Sr. Rahel nach Assisi aufgebrochen und berichtet von diesem inneren Aufbruch. Ob es David Keller und seinen Freunden auch um diesen Aufbruch ging, als sie gemeinsam auf Spurensuche des Films «Christus ist nur bis Eboli gekommen» waren? Wohl eher nicht, aber angekommen sind sie auch in den «eigenen Landschaften». In eine ganz andere Welt hat sich Sr. Karin mit dem Instagram Account des Klosters Baldegg aufgemacht. Mit dem Account schlägt sie Brücken zwischen Kloster und Usern der «SocialMedia-Welt». Dass Aufbrechen keine heutige Erfindung ist, zeigt Sr. Renata anhand des Psalms 122 und einer Bachkantate auf. Wer den Aufbruch eilig tun will, trotz schwachen Schritten, höre zuerst in die Kantate des 14. Sonntags nach Trinitatis hinein. Manchmal braucht es auch hilfreiche Inputs zum Bewältigen des Lebens. Diese hält Frau Prof. Christiane Blank auf Seite 12 bereit. Schliesslich lädt uns Bischof Felix zum Aufbruch ins eigentliche Leben ein. Er sagt es so: Gott führt aus dem Verharren, um hineinzuführen ins Leben. Lieber Leser, liebe Leserin Ob die Thematik dieses BaldeggerJournals Sie eher zum «Auf und Davon» antreibt oder zur Gewissheit geführt hat, angekommen zu sein? Die Sommerwochen mögen Sie von dem träumen lassen, das Ihr Leben glücklich macht. Und sollte Träumen nicht so Ihre Sache sein, dann machen Sie sich auf in den Garten oder lesen Sie den Artikel Seite 9. Herzlich grüssen Sie Ihre Baldegger Schwestern Inhalt Editorial Vom Aufbrechen und Ankommen 4 Aufbruch in die «Social Media Welt» Sr. Karin Zurbriggen 6 Zwei Meinungen – ein Thema Allem Werden wohnt ein Zauber innen Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi und Angela Bausch-Hug 8 Psalmen Von hier nach dort Sr. Renata Geiger 9 Einen Permakultur-Garten aufbauen Im Gespräch mit Etel Keller 10 Keller’s Reisen In der Welt der Vergessenen David Keller 12 Psychologisch-theologische Impulse zur Lebensbewältigung Ich fühle mich in meinen negativen Gedanken gefangen. Wie breche ich diesen Teufelskreis auf? Prof. Dr. Christiane Blank 13 Aufbruch ins Leben Dr. Bischof Felix Gmür 14 Franziskanische Inputs Lieber Bruder Franziskus Sr. Nadja Bühlmann 15 Ein Aufbruch zu den franziskanischen Wurzeln Sr. Rahel Künzli 16 Cantate domino Zwei Momente – ein Weg Sr. Renata Geiger 17 Glauben & Beten mit Sr. Hildegund Kunz 18 übrigens ... 19 Zwei Bilder – ein Leben Sr. Ilga Winiger blieb die Jüngste

4 Aufbruch in die «Social Media Welt» Sr.Marie-Ruth Ziegler (mrz) im Gespräch mit Sr. Karin Zurbriggen mrz: Schwester Karin, du hast vor Jahren den Aufbruch in diese «Social Media Welt» gewagt. Warum? Sr. Karin: Ehrlich gesagt, war es zwar mein Wunsch, die Mauern ein Stück weit durchlässig zu machen. Doch gleichzeitig war es auch die Entscheidung der Gemeinschaft den Weg in die Social Media Welt zu wagen. Wir Baldegger Schwestern leben ja nicht hinter verschlossenen Türen. Wir wollen uns nicht verstecken, sondern Aussenstehende teilnehmen lassen an unserem Gebets- und Gemeinschaftsleben. Aber unsere Botschaft, die Freude am Evangelium und die Einfachheit des franziskanischen Lebens kann doch auch die Menschen um uns herum ansprechen und zum Nachdenken bewegen. Social Media ist heute der Marktplatz, auf dem sich die Menschen treffen. Wenn wir dort nicht präsent sind, schliessen wir uns von diesem Austausch aus. Also habe ich den Mut gefasst, die Kamera in die Hand zu nehmen. Sr. Karin Zurbriggen hat den Instagram Account des Klosters Baldegg aufgebaut und betreut ihn täglich. Hauptberuflich ist sie als Pflegefachfrau im Alters- und Pflegezentrum Residio in Hochdorf tätig. mrz: Am Ostersonntag erhielt ich das nebenstehende WhatsApp. Heute sind es bereits 14.9 Millionen Menschen, die dieses Video angeschaut haben. Kann das stimmen? Die Schweiz hat ja keine 10 Millionen Menschen. Wer schaut diese Fotos und Videos an? Sr. Karin: Die kommen nicht nur aus der Schweiz, sondern aus aller Welt, ich kann dies auf der App nachschauen: 11,6% kommen aus Deutschland, aus Brasilien waren 10.8%, aus Italien 6,1%, aus den USA 5,8% und aus Frankreich 4,4% und der Rest aus der Schweiz. Ich kann auch überprüfen, wieviel Zeit Menschen insgesamt auf unserem Instagram Account schon verbracht haben. Umgerechnet sind dies bald 5 Millionen Minuten! Interessant ist auch die Statistik über das Alter: mrz: Welche Erfahrungen machst du mit diesem neuen Medium? Sr. Karin: Es ist eine Reise voller Überraschungen. Am Anfang war da natürlich eine gewisse Skepsis: Passt das kurzlebige Instagram zu unserer Klostertradition? Aber die Resonanz ist positiv. Wir erreichen Menschen, die vielleicht seit Jahren keine Kirche mehr betreten haben. Oft schreiben mir in diesen Chats Menschen und vertrauen mir ihre ganz persönlichen Sorgen an oder äussern sich in den Kommentaren zu den Posts, was diese in ihnen auslösen. Und ganz persönlich habe ich in diesen Jahren viel Neues dazu gelernt, technisch, aber auch in der Art, wie man heute kommuniziert.

5 mrz: Diese Reaktion ist ein riesiges Kompliment für deine Instagram Beiträge! Denkst du, dass es bei dieser Resonanz um echtes Interesse am Klosteralltag geht? Oder ist es nicht einfach so, dass man halt gerne ins «Wohnzimmer» anderer Leute guckt? Sr. Karin: Das ist eine spannende Frage! Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem. Natürlich gibt es eine gewisse Neugierde. Und ein Kloster wirkt auf viele wie eine fremde, faszinierende Welt. Aber ich glaube fest daran, wenn die Menschen einmal «im Wohnzimmer» sind, bleiben sie wegen der Atmosphäre hängen. In einer Welt, die oft sehr laut, hektisch und oberflächlich ist, strahlen unsere Reels eine Ruhe und Sinnhaftigkeit aus. Die Menschen spüren, dass wir das, was wir tun, mit einer inneren Hingabe machen. Das ist mehr als nur Neugierde. Es ist vielleicht eine Sehnsucht nach Echtheit. mrz: Welche Gedanken leiten dich beim Erstellen eines Beitrags? Sr. Karin: Es gibt kein Marketing-Handbuch bei uns. Wenn ich filmen gehe, leiten mich zwei Dinge: 1. Authentizität: Ich inszeniere nichts. Ich zeige das Kloster so, wie es ist. Wenn eine Schwester lacht oder konzentriert arbeitet, dann ist das echt. 2. Die Liebe zum Detail: Ich versuche, die kleinen Wunder des Alltags einzufangen. Das sorgfältige Einpacken der Ostereier, das Licht in der Kapelle, die Handgriffe in den Handwerkstätten. Mein Leitgedanke ist: «Gott im Alltag finden.» Wenn ein kurzer Reel es schafft, dass jemand für 30 Sekunden innehält und ein Lächeln im Gesicht hat, dann hat der Beitrag seinen Zweck erfüllt. mrz: Hast du persönlich den Eindruck, nun richtig in dieser Social Media Welt angekommen zu sein? Sr. Karin: Ich würde sagen: Ich bin unterwegs. Social Media verändert sich ständig, und ich lerne jeden Tag dazu. Aber ich fühle mich inzwischen nicht mehr so fremd dort. Es ist ein Ort geworden, an dem wir Baldegger Schwestern auch präsent sein können. Die sozialen Medien sind für mich ein Werkzeug, nicht mein Lebensinhalt. Aber ja, ich geniesse es sehr, diese Brücke zwischen unserer Tradition und der modernen Welt zu schlagen. Und wenn uns dabei mehr als 14 Millionen Menschen über die Schulter schauen, dann sage ich einfach: «Danke, lieber Gott, für diese Reichweite!»

Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit Angela Bausch-Hug (ABH), Autorin und Psychotherapeutin i.R. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und wohnt in Luzern. Zwei Meinungen – ein Thema Allem Werden wohnt ein Zauber inne HW «Aufbrechen» beinhaltet für mich viele Facetten. Da ist das Gewaltsame, eine Türe, ein Safe wird aufgebrochen. Anders das Unsichere des Aufbruchs zu einer Reise. Oder das Aufbrechen nach dem Scheitern einer Beziehung, dem Verlust des Arbeitsplatzes oder dem Tod eines geliebten Menschen. Ganz anders erleben wir das Aufbrechen der Natur nach der winterlichen Starre, wo neues Leben ans Licht drängt. Wir geniessen dieses Licht, diese Wärme, die Aufbruchstimmung schafft in uns Raum. Davon leben wir. Der Reformator Martin Luther hat es auf den Punkt gebracht: «Leben ist kein Sein, sondern ein Werden.» Dieses Werden ist eine lebenslängliche Aufgabe für uns alle. Sie fordert mutiges Loslassen und festes Vertrauen in das, was noch werden will. ABH Ja, Aufbrechen kann etwas Gewaltsames in sich tragen, etwas, das nie zu dem gewünschten Ziel führen kann, weil ich damit etwas erzwingen will, das noch nicht reif dafür ist. Du kennst ja die Worte von Rainer Maria Rilke: «Reifen wie ein Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht.» Dieses «getroste Stehen» hat es mir angetan. Es ist klug, sich zuerst aufzurichten und auszurichten, bevor ich einen neuen Weg einschlage. Warum? Weil ich dann dastehe, aufrecht in Verbindung mit «Himmel und Erde», tief durchatme, mich wahrnehme und mir sagen kann: «Ich bin da. Mit allem, was zu mir gehört. Wenn ich will, kann ich mich bewusst mit dem Göttlichen verbinden und um den Grossen Segen bitten. Vielleicht stehe ich dann eine Weile ganz still, bis ich voll Vertrauen mich ausrichte auf ein kleines oder grosses Ziel. Oder auf das Ungewisse, das mich ruft.» Ich bin in meinem Leben auch schon einfach losgestürmt – und habe im Nachhinein bereut, dass ich die Geduld nicht aufbrachte zu stehen und zu warten. So ist das manchmal im Leben. Es gehört dazu. Und wer weiss, wo ich jetzt stünde, wenn ich nicht einfach mal losgerannt wäre… Ankommen ist eine ganz andere Sache. Ich bin mir sicher: angekommen sind wir immer schon. Nur merken wir es oft gar nicht. Gott – die grosse Weisheit, Liebe und Klarheit ist in uns und um uns. Immer. Ohne diese innere Gewissheit hätte ich meine Lebensreise mit allen ihren Bergen und Tälern nicht bis hierher geschafft. Natürlich – oft habe auch ich diese innere Sicherheit verloren. Doch sie kehrte stets zu mir zurück als die Ausrichtung, die mich weiter begleitet und begleiten wird ... HW Du sagst es: wer vorwärts will, muss mit den Füssen fest auf dem Boden seines Lebens stehen und mit dem Scheitel den Himmel berühren. Das verlangt Geistesgegenwart. Die gibt es nur um den Preis von Stille, Verzicht, Gelassenheit und Bereitschaft zu stetem Werden. Wie sagt es doch Hesse in seinem vielzitierten Gedicht ‹Stufen›: «Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen. Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf‘ um Stufe heben und weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen. Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.» Darum gehören für mich ‹aufbrechen› und ‹ankommen› zusammen wie Licht und Schatten, wie Tag und Nacht, wie Winter und Frühling. Leben ist ein Werden. ABHSo ist es, ‹Aufbrechen und Ankommen› gehören zusammen. Was mir an diesem «Zwilling» besonders gefällt, ist die Weisheit, die sich darin versteckt: indem ich das Licht bereits in mir trage, bin ich auch ‹angekommen›, so wie ich mich ja auch mit einem grossen Rucksack auf eine lange Wanderung begebe. Und gleichzeitig bin ich dennoch auf ein Ziel ausgerichtet. Dieses ‹sowohl – als auch› kann uns wie ein Schlüssel dienen, um Tür um Tür zu öffnen. Wir sind dann Lichtträgerinnen auf dem Weg nach Hause. Mir hilft dieses Bild, um immer wieder den Rucksack zu schultern und weiterzuwandern. In diesem Weiterwandern findet das statt, was du treffend mit ‹Werden› bezeichnest. Ich frage mich allerdings, was wir mit ‹Werden› meinen. Ich denke, wir können darunter verstehen, dass wir aufgerufen sind, uns weiterzuentwickeln und dass unser Horizont dabei grösser und weiter wird, dass wir im besten Falle immer mehr zu Menschen werden, die gütiger, grosszügiger, menschlicher werden. Das ist der grosse Vorteil unseres Alters. Wir haben jetzt mehr Zeit, uns nach innen zu wenden. Wir können uns zunehmend mehr bewusstwerden, 6

7 wer wir sind, und wir können uns auch mit unseren Schwächen besser befreunden als noch vor Jahren. Es gibt ja der Satz des griechischen Dichters Pindar (um 500 vor J.Chr.) ‹Werde, der Du bist›! Im christlichen Sinnen könnte das heissen: ‹Werde die, als die Gott dich gedacht hat: frei und aufrecht›. HW Das ersehnen wir zutiefst. Unser Werden kennt − wie das natürliche Jahr − verschiedene Gezeiten. Und jeder wohnt ein besonderer Zauber inne. Der will erkannt und gelebt werden. Ich erinnere mich als Bauernkind so gerne an den Frühling meines Lebens. Er war reich an Aufbrüchen und Ritualen. Dann der Sommer! Der brachte viel Arbeit, die uns auch als Kinder miteinbezog – nicht immer zu unserer Freude, schenkte aber als Entgelt viel Ermutigung und stärkende Zugehörigkeit. Erst recht der Herbst mit seinem reichen Früchtesegen! Höhepunkt war das Erntedankfest. Ich fühlte mich dabei reich, konnten wir doch von diesen Gaben vor dem Altar grosszügig austeilen. Der Winter brachte unserer Familie mehr Musse und vor allem Feste mit ihren nachhaltigen Ritualen. So werden wir bis ins hohe Alter immer wieder ermutigt, aufzubrechen um im JETZT neu anzukommen. Im Rückblick wird manches deutlicher und kostbarer. Der Philosoph Sören Kierkegaard sagt es so: »Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden». Was zählt, ist das gelebte Leben – mit dem Zauber, der auch im Älterwerden steckt. ABHDiesmal tue ich mich ziemlich schwer mit einer Antwort. Denn vor einigen Monaten habe ich mein Haus verkauft und bin zurück in die Stadt Luzern gezogen − in eine dreieinhalb Zimmer-Wohnung. Ja – der Aufbruch war richtig. Doch das Ankommen ist nicht ganz so einfach. Mit dieser Erfahrung im Gepäck, kann ich jetzt auch weiterdenken und weiterschreiben. Ich stelle fest, dass Ankommen genauso herausfordernd sein kann wie Aufbrechen. Mochte der Aufbruch noch so sinnvoll und richtig gewesen sein – die Ankunft hält dennoch andere und neue Herausforderungen bereit. Wir müssen uns neu anpassen, lernen uns vielleicht auch ganz neu kennen. Wir vermissen das eine oder andere, das vorher wie selbstverständlich vorhanden war. Und so kommt mir Hesse nochmals zu Hilfe mit seiner Einsicht, dass wir mit jedem Aufbruch auch liebgewordene Gewohnheiten hinter uns lassen werden. Es ist wichtig diese Tatsache ernst zu nehmen. Dann können wir möglicherweise freundlicher und geduldiger mit uns umgehen, wenn das mit der Ankunft nicht auf Anhieb so gut klappt, wie wir es erwartet haben. Das gilt für alle Bereiche, wenn es um einen Neuanfang geht: Ankommen in einer Ehe, in einem neuen Job, in einer neuen Beziehung, in einem unbekannten Land, mit einem neugeborenen Kind und der vielen Beispiele mehr. Immer brauchen wir Geduld und Verständnis – vor allem mit uns selbst. Dann werden wir uns allmählich in der neuen Umgebung besser zurechtfinden. Nun: wie steht es jetzt mit unserem letzten Ankommen? Dann, wenn wir die Schwelle überschreiten? Darauf gibt es so viele verschiedene Antworten wie es Menschen und Religionen gibt. Ich kann es nur für mich beantworten: bei diesem letzten Schritt von hier nach dort werde ich nicht allein sein. Bei der Ankunft ins neue Leben werde ich mit sehr viel Licht und Liebe empfangen werden. HW Diese grosse Frage bleibt: Was kommt danach? «Wir leben, um zu sterben, und wir sterben, um zu leben» las ich kürzlich auf einer Grabinschrift. Leben ist dabei das erste und das letzte Wort dieser Inschrift, umzingelt vom Wort sterben, gleichsam als Brücke von hier nach dort. Und diesem unserm letzten Aufbrechen liegt der grösste Zauber inne. Das ist mein fester Glaube. Der grosse Heidelberger Theologe Klaus Berger sagt es so: «Das Beste für uns Menschen kommt erst nach dem Tod». Und dieses letzte Ankommen wird uns ewig staunen lassen.

Psalmen 8 Von hier nach dort Sr. Renata Geiger Ich freute mich, als man mir sagte: «Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.» So beginnt Psalm 122. Er gehört zu den Wallfahrtsliedern. Die Menschen sangen ihn, während sie auf den staubigen Strassen unterwegs nach Jerusalem waren. Der Psalm lebt von der Spannung zwischen hier und dort, zwischen dem Ort, den man verlässt und dem Ziel, auf das man zugeht. Input – Ich freute mich …. «Ich freute mich». Der Psalm beginnt nicht im Tempel, sondern im Alltag. Auffällig ist, dass die Freude schon am Anfang steht. Noch ist der Weg nicht gegangen. Noch ist das Ziel nicht erreicht. Aber allein die Aussicht aufzubrechen, verändert die Stimmung, weckt die Erwartung. Der Psalmist weiss, der Aufbruch beginnt schon «im Kopf». Es ist der Moment der Entscheidung den status quo zu verlassen. Ziel – Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern Es ist ein Aufbruch zu etwas, das sie zieht, das sie im «Hier» nicht finden können, «das Haus des Herrn», Ort der Präsenz Gottes. Der Weg ist deshalb nicht nur geographisch. Er hat auch eine innere Dimension. Wer aufbricht, lässt etwas zurück: Routine, Sicherheit, vielleicht auch das Gefühl, dass alles immer gleichbleiben muss. Pilgern bedeutet, sich bewegen zu lassen, den Blick zu weiten. Schwellenmoment – Schon stehen wir in deinen Toren, Jerusalem Ein unerwarteter Satz – kaum losgegangen und schon angekommen. Die «Tore» sind in der Bibel Orte der Entscheidung. Es sind Momente des Übergangs. Das Hebräische beschreibt hier einen Augenblick des Innehaltens. Man ist nicht mehr draussen im Unverbindlichen, aber auch noch nicht ganz drinnen. Altes gilt nicht mehr, aber das Neue hat noch nicht begonnen. Vision der Einheit – Jerusalem, du fest gefügte Stadt Die Stadt ist Symbol für ein Zentrum, für einen Ort, an dem das Zerstreute zusammenfindet. Der Psalm ist wohl nachexilisch. Er entstand also in einer Zeit, in der Jerusalem und der Tempel neu aufgebaut wurden und identitätsstiftend wirkten. Es ist der Ort zu dem die Stämme «hinaufziehen». Die Wallfahrt ist nicht nur ein persönlicher Weg. Sie verbindet viele. Menschen aus verschiedenen Regionen. Der Weg führt in eine gemeinsame Erinnerung und in eine gemeinsame Identität. Zentrum der Gerechtigkeit – Dort stehen Thone bereit für das Gericht Ein oft übersehener Vers. Jerusalem ist nicht nur ein Ort der Anbetung, sondern des Gerichts. Mitten im religiösen Zentrum – Rechtsprechung. Es gibt keine Trennung von Frömmigkeit und gesellschaftlicher Realität. Das bedeutet: Wo Gott verehrt wird, muss auch Gerechtigkeit verhandelt werden. Ein Glaube, der sich nur im Innerlichen bewegt, kennt dieser Psalm nicht. Gottesbeziehung hat zu tun mit dem Alltäglichen auf der Strasse, spielt zwischen menschlichen Konflikten eine Rolle und in der Frage von Recht und Unrecht. Finale – Shalom Fast die Hälfte des Psalms befasst sich mit Frieden. Shalom ist kein Privatbesitz. Der Beter wünscht den Frieden nicht für sich. Er wünscht ihn der Stadt, den Mauern, den Freunden. Das hebräische Shalom meint dabei weit mehr als die Abwesenheit von Krieg; es bedeutet Ganzheit, Heilung und Wohlergehen. «Von hier nach dort» zu gehen bedeutet letztlich, den Weg vom «Ich» zum «Wir» zu finden. Sicherheit und Frieden finden wir nicht in der Isolation, sondern in der Verbundenheit. Aber Friede ist kein Besitz. Es ist etwas, das immer wieder neu gesucht werden muss, in unseren Entscheidungen, in unseren Gemeinschaften, in der Art, wie wir miteinander umgehen. shalom

Ein Permakultur-Garten in Hertenstein 9 Seit Frühjahr 2024 befindet sich der Garten der Stella Matutina in Hertenstein «under construction». Unter der Leitung von Etel Keller, Agronomin ETH, Permakultur Designerin i.A. und Vorstandsmitglied des Vereins Permakultur-Landwirtschaft und der Mitarbeit von Freiwilligen entstand aus dem bereits etwas verwilderten Garten ein kleines Paradies. (mrz) Mit Freiwilligen aus Weggis hast du die Verantwortung für die Neubewirtschaftung des Gartens übernommen. Welche Ziele hast du dir bezüglich der Permakultur gesetzt? Tatsächlich wusste ich damals nicht, mit welchen Leuten ich eine Gartengruppe bilden kann. Die Halbinsel ist ja nicht gerade im Dorfzentrum. Insgesamt hat sich die Gruppe jedoch auf fast eine ideale Weise zusammengefügt und man ergänzt sich mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Kompetenzen. Wir geniessen die Arbeit im Garten und natürlich auch das Entspannen. Der Badeplatz ist der Lohn: wer hier arbeitet, darf unten baden gehen. Selbst habe ich mir erträumt, dass sich die Biodiversität erhöht und ein Garten entsteht, der nicht nur Gemüse produziert, sondern auch Blumen hervorbringt. Ich hoffte sehr, dass es hier Mäusewiesel, Dachs und Fuchs geben wird. Inzwischen haben wir nicht nur sie, sondern bereits Mauersegler, die regelmässig vorbeischauen, ebenso wurden Stieglitze, Blaumeisen, Zaunkönige und der Gartenrotschwanz gesichtet. Schnecken haben wir übrigens auch, zu Beginn in rauen Mengen. Du bringst Fachwissen und viel Erfahrung mit: Kann mit der Permakultur nur erfolgreich sein, wer diese Anbauweise studiert hat? In der Schweiz hat die Permakultur im Bereich der essbaren Gärten bereits eine gute Erfolgsgeschichte. Um Permakultur in der Landwirtschaft erfolgreich anzuwenden, braucht es aber darüber hinaus schon eine agronomische Grundbildung. Denn Landwirtschaft bedeutet Betriebsplanung, Bodenaufbau und die Zusammenstellung konkreter Pflanzengesellschaften. Gärten können organisch wachsen, Landwirtschaft braucht Strukturen, langjähriges Anbauen, Hegen und Pflegen mit dosiertem Einsatz von Maschinen, aber vor allem auch mit Manpower. So wirft Permakultur Ertrag ab. Ich habe Gärten und kleine Bauernbetriebe gesehen, die wahnsinnig komplexe Systeme sind und die einen Ertrag abwerfen, über den ich nur staunen konnte. Warum ist die Permakultur Bestandteil des geplanten «Haus der Zukunft»? Die Selbstversorgung des Hauses der Zukunft mit Salat, Gemüse, Kräutern, Beeren und Obst ist sinnvoll und machbar. Es kann ja nicht das Ziel sein, hier Getreide anzupflanzen. Und mit drei bis vier Hektaren Land könnte man als Alternative lediglich zwei, drei Kühe ernähren. Im Haus der Zukunft sollen darüber hinaus aber auch ganz konkrete Weiterbildungskurse und Praktika angeboten werden. Man kann mit Permakultur auf Chemie vollständig verzichten und gleichzeitig den Boden aufbauen, und die Kreislaufwirtschaft und Artenvielfalt fördern. Die ökologisch wertvolle Selbstversorgung mit regionalen Produkten fördert die Resilienz, einheimische Sorten und Pflanzen und ermöglicht kurze Wege. Permakultur ist eine Form der regenerativen Landwirtschaft und ihre drei Grundprinzipien – Sorge zur Natur, Sorge zum Menschen und faires Teilen ‒ machen aus meiner Perspektive Sinn. Was bedeutet dir dieser Aufbruch? Ich bin sehr gespannt auf die Aufgabe der landwirtschaftlichen Gestaltung des ganzen Areals. Wenn verwirklicht wird, was angedacht ist, zum Beispiel auch Renaturierungsmassnahmen, dann wird diese unglaublich schöne Landschaft am Vierwaldstättersee noch schöner. Es ist für mich ein grosses Privileg, die Halbinsel Hertenstein in eine «essbare Landschaft» und in einen «blühenden Garten» entwickeln zu dürfen.

Kellers Reisen In der Welt der Vergessenen David Keller 1945 erschien der autobiografische Roman «Christo si è fermato a Eboli» (Christus kam nur bis Eboli) des Turiner Intellektuellen und Schriftstellers Carlo Levi, der von den italienischen Faschisten 1935 im Alter von 33 Jahren in die Verbannung geschickt worden war. Levi hatte zunächst ein Medizinstudium absolviert und war bis 1928 vier Jahre Assistenzarzt in einem Turiner Spital gewesen. 1929 gründete er die antifaschistische Gruppe «Giustizia e Libertà» und widmete sich dem politischen Kampf gegen den Faschismus. Die Faschisten konnten es sich zwar damals nicht leisten, ihn ins Gefängnis zu stecken, wollten ihn aber mit der Verbannung isolieren und ihm den sozialen und politischen Wirkungskreis entziehen. Sie schickten ihn ins Dorf Aliano in der Basilicata in Süditalien, wo er sich täglich bei der Dorfverwaltung melden musste. In der Basilicata herrschte bittere Armut und Carlo Levi schildert in seinem Roman die Situation der Bevölkerung so: «Christus ist nur bis Eboli gekommen, wo die Strasse und die Eisenbahn die Küste von Salerno verlassen und in die trostlosen Berge von Lukanien hineinführen. Christus ist nie hierhergekommen, ebenso wenig wie die Zeit, die Geschichte, der Staat oder das Denken in Ursache und Wirkung. Niemand ist in diesen Erdteil gekommen, ausser als Feind, als Eroberer oder als unbeteiligter Besucher. Die Leute hier sagen: Wir sind keine Christen, wir sind keine menschlichen Wesen, wir sind Tiere… schlimmer noch als die Tiere, wir leben das Leben der Geister, die in der Luft herumirren, wir müssen uns den Mächten des Himmels und der Unterwelt beugen.» 1979 erschien der gleichnamige Film von Francesco Rosi mit dem grossartigen Gian Maria Volonté als Darsteller von Carlo Levi. Ich war 17, als ich den Film 1980 mit drei Freunden zusammen im Kino Royal in Baden sah. Wir waren nicht nur fasziniert von Levis langsamen Annäherung an die arme, schwarzgekleidete Landbevölkerung und von seiner Fähigkeit, den abergläubischen Kleinbauern buchstäblich als Mitmensch zu begegnen. Ebenso fasziniert waren wir von der im Film gezeigten, kargen Schönheit der Landschaft Süditaliens. Wir mussten unbedingt dorthin reisen, koste es was es wolle (es kostete vor allem Überzeugungsarbeit, denn von den Eltern musste leider nicht nur Zustimmung, sondern vor allem auch finanzielle Unterstützung eingefordert werden). Wir brachen im Frühling 1981 auf zu unserer dreiwöchigen Reise in einem 6-er Abteil der Ferrovie dello Stato und mit einem Doppelliter Chianti, beides ab Zürich. Im ersten Teil wollten wir zunächst Apulien bereisen und über Brindisi, Bari, Lecce und Tarent bis in die Berge von Matera gelangen. Anschliessend wollten wir von Matera zurück nach Bari und von dort über den Apennin via Foggia und Napoli bis Eboli, von wo aus wir als Höhepunkt die phantastischen Landschaften Aliano ist eine süditalienische Gemeinde in der Provinz Matera in der Region Basilicata. 10

aus Francesco Rosis Film bereisen wollten. Absolut beeindruckend im ersten Teil war die Stadt Matera mit ihren, in den Fels gehauenen jahrtausendealten Wohnhöhlen. Die Stadt wurde 1993 Weltkulturerbe und war 2019 europäische Kulturhauptstadt. Bella, grandiosa Italia! Auch die umliegende Landschaft war von unglaublicher Schönheit und wir freuten uns umso mehr auf Eboli und die Reise in die dahinterliegenden Berglandschaften der Campania und der Basilikata. Als wir dort nach 9-stündiger Reise auf dem miserabel ausgebauten Schienennetz mit zahlreichem Umsteigen erschöpft ankamen, wandte ich mich direkt an den Bahnhofvorstand mit der Frage, ob er den Film «Christo si é fermato a Eboli» gesehen habe und falls ja, ob er uns sagen könne, wo dieser gedreht worden war. Der Mann mit der Kelle meinte, er habe den Film selbstverständlich gesehen und er kenne niemanden in Eboli, der den Film nicht gesehen habe. Aber er müsse uns leider enttäuschen: der Film sei nicht im Gebiet südöstlich von Eboli gedreht worden, sondern in der Nähe von Matera. Lange Pause. Wir waren entgeistert. In Matera, wo wir gerade gewesen waren! Es gelang uns trotz nächtelanger Diskussion nicht, einen Schuldigen für das Desaster zu finden, wir fluchten ergebnislos über unsere Naivität – und tranken einen Doppelliter Chianti. Wir wollten die Drehorte des Films sehen, wir hatten sie gesehen, ohne uns dessen bewusst zu sein, wir waren am Ziel angekommen, ohne es zu wissen. Wie weiter? Wir trafen den lustlos vernünftigen Entscheid, trotz allem ins Bergebiet der Campania und der nördlichen Basilikata zu reisen, aber wir hatten keinerlei Erwartungen mehr. Carlo Levi rückte mit seinem Roman die gewaltige Kluft zwischen der wohlhabenden herrschenden Klasse und der extrem armen Landbevölkerung, vor allem in Süditalien, ins Bewusstsein der italienischen Öffentlichkeit. Im Film widerspricht er nach seiner Rückkehr aus der Verbannung auch seinen kommunistischen Freunden, weil er nicht glaubt, dass ein kommunistischer Staat die Landbevölkerung besser behandeln würde als ein faschistischer oder demokratischer Staat. Rom kümmert sich nicht. Vielleicht kann man sagen, dass Levi in Aliano zu sich gefunden hat, dass er Menschlichkeit ins Dorf gebracht hat und seinerseits in seinem Menschsein angekommen ist, seine Bestimmung gefunden hat. Er schreibt: «In dieser Einsamkeit gibt es eine dunkle, verborgene Weisheit, eine Geduld, die älter ist als jede Zivilisation.» Levi flüchtete 1936 nach Frankreich, wurde 1941 in Florenz verhaftet und nach Mussolinis Sturz 1943 wieder auf freien Fuss gesetzt. Er betätigte sich nach dem Krieg als Maler, Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift Italia Libera. In Aliano ist er begraben, sein Buch ist Pflichtlektüre in der Schule und das Dorf ist in den 90er-Jahren zum «Literaturpark Carlo Levi» ausgerufen worden. Epilog: Der zweite Teil unserer Reise führte uns im Frühling 1981 ins Gebiet Irpinia, östlich von Eboli, welches am 23. November 1980 von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden war. Ich erinnere mich an eine Begegnung in Conza della Campania in einer Kirche. Der vordere Teil über dem Altar war völlig eingebrochen, im hinteren Teil war die Orgel intakt und der Organist übte beinahe unter freiem Himmel eine Orgelfassung des Agnus Dei aus der Petite Messe Solenelle von Rossini. Er erzählte uns, es gäbe in der Umgebung 13 traditionsreiche Brüderschaften, die je eine eigene Kirche gehabt hätten, die einem spezifischen Heiligen gewidmet gewesen sei. Sechs dieser 13 Kirchen, seine nicht eingerechnet, seien vom Erdbeben zerstört worden. Er las uns Stellen aus der Bibel in lateinischer Sprache mit italienischem Akzent vor, was er trotz unserem Protest lachend als einzig korrekte Aussprache bezeichnete. Er meinte, das Erdbeben sei schlimm gewesen, aber es könne die Menschen nicht davon abhalten, hier zu leben und alles wieder aufzubauen. Die Kraft und Grösse der vom Erdbeben getroffenen Menschen, mit denen wir dieses und viele weitere Gespräche führen durften, machten mir zwei Dinge klar: Erstens, Christus kam nicht nur bis Eboli, und zweitens, wir waren in der Gegenwart, in unserer eigenen Reise und unseren eigenen Landschaften angekommen. 11

Christiane Blank, Dr. theol., lic. phil., Dipl. psych., lehrte 25 Jahre lang als Professorin der Päpstlichen Theologischen Fakultät von São Paulo. Sie beschäftigt sich mit der Erforschung neuer Kommunikationstechniken zur Konfliktbewältigung, um Strategien zur Überwindung psychosozialer Problemsituationen aufzuzeigen. «Ich fühle mich in meinen negativen Gedanken gefangen. Wie breche ich diesen Teufelskreis auf?» 1 SELIGMAN, Pessimisten küsst man nicht, 57 2 A.a.O, 272, 342-345. Vgl. auch: BLANK, Kreative Lebensbewältigung in Zeiten des Umbruchs, 137-143 Psychologische-theologische Impulse Jeder von uns steht immer wieder vor der Frage: Bilde ich mir das ein oder ist es wirklich so? Man grübelt etwa darüber nach, ob der Nachbar, der heute mit finsterer Miene grusslos vorbeiging, wütend über mich sei und den gemeinsamen stark beschädigten Zufahrtsweg nicht mehr renovieren wolle? Was läuft falsch, oder sehe ich alles zu schwarz? Die Wahrnehmung und Interpretation einer gleichen Situation ist nie völlig objektiv. Wir alle sehen und erleben die Welt auf Grund unserer Erfahrungen und unserer Prägung ganz unterschiedlich. Die einen neigen dazu, alles durch eine rosa Brille zu sehen, andere sehen primär das Negative und Bedrohende. Eine absolute Wahrheit oder objektive Kenntnis der Realität gibt es nicht. Tröstlich aber ist: Selbst wenn Sie zu den grössten Pessimisten*innen gehören, können Sie lernen, nicht nur Ihre Wahrnehmung positiv zu verändern, sondern damit verbunden auch Ihr Verhalten. Martin Seligmann, Pionier auf diesem Forschungsgebiet, erarbeitete dazu konkrete Vorschläge. Vielleicht könnten diese auch für Sie hilfreich sein: Neigen Sie zu Pessimismus, fragen Sie sich, ob Sie tendenziell folgendermassen denken:1 • «Es ist meine Schuld, • Es wird immer so bleiben, • Und es wird alles verderben, was ich anpacke.» Solche Überzeugungen wirken sich auch auf das eigene Handeln aus. Im Falle des erwähnten Nachbarn, suchen Pessimist*innen verzweifelt nach Gründen des eigenen vermeintlichen Fehlverhaltens. Sie denken über die Beziehung zum Nachbarn nach, statt die Zeit konstruktiv zu nutzen. Das alles soll nun nicht heissen, dass man Gefahren unterschätzen und Probleme kleinreden soll. Vielmehr geht es darum, als Pessimist*in Überzeugungen zu relativieren und die eigene Objektivität kritisch zu hinterfragen. Seligmann hat dazu einen spezifischen Fragenkatalog entwickelt:2 • Habe ich eindeutige Hinweise dafür, dass meine Annahmen stimmen? • Gibt es deutliche Indizien dafür, dass meine Befürchtungen nicht zutreffen? • Was könnte im schlimmsten Falle geschehen? (Worst-Case Szenario) • Was nützt es, wenn ich mich vor Angst gelähmt sorge? Wie kann ich meine Energie stattdessen konstruktiv verwenden? Wird auf diese Weise die eigene Wahrnehmung kritisch hinterfragt, kann es sich herausstellen, dass der eigene Pessimismus zu einer Fehlinterpretation der Lage geführt hat: Am Beispiel der Nachbarbeziehung könnte das etwa heissen: • Es gibt keine eindeutigen Hinweise: Ich weiss doch, wenn mein Nachbar Sorgen hat, ist er selbst gegenüber seiner Frau abweisend. • Alternative Gründe: Noch am selben Tag erfuhr ich, dass sein Arbeitgeber Entlassungen angekündigt hatte. • Worst Case: Selbst wenn das gemeinsame Projekt nicht mehr realisierbar wäre, gäbe es noch andere Zufahrtsmöglichkeiten. • Nutzen: Ob Sie den Nachbarn zum Kaffee einladen und in gelöster Stimmung eine geniale Alternativlösung finden, oder ob Sie mit Ihrer Frau eine Spritzfahrt unternehmen: Verwenden Sie Ihre Energie konstruktiv, statt unnütz zu grübeln. Der Teufelskreis einer pessimistischen Selbst- und Weltsicht lässt sich wie das Beispiel zeigt, aufbrechen. Ohne dass Probleme schöngeredet werden, zeigt vor allem die positive Psychologie Alternativen auf. Wählen Sie aus diesen Möglichkeiten ein für Sie stimmiges Konzept, und Sie werden erkennen, dass man mit Herausforderungen viel stressfreier und konstruktiver umgehen kann. Viel Glück dabei! 12

Aufbruch ins Leben Wenn wir im Deutschen vom «Aufbrechen» sprechen, hören wir zwei verschiedene Bedeutungen: Man kann «aufbrechen», wie man eine Nuss aufbricht. Etwas wird geöffnet, gesprengt, zertrennt. Man kann auch «aufbrechen» in einem ganz anderen Sinn: sich auf den Weg machen, losgehen, eine vertraute Umgebung verlassen. Dieser zweite Sinn – der intransitive, existenzielle – prägt viele Geschichten des Glaubens. Und oft, wenn wir ehrlich sind, steckt auch der erste mit darin: Jeder Aufbruch birgt etwas, das in uns «aufbricht», das uns nicht so lässt, wie wir waren. Biblisch gesehen beginnt Gottes Heilsgeschichte fast immer mit einem Aufbruch. Abraham wird gerufen: «Geh fort aus deinem Land … in das Land, das ich dir zeigen werde» (Gen 12,1). Kein Ziel wird genannt, nur ein Versprechen. Israel bricht aus Ägypten auf, ohne zu wissen, wie Freiheit schmeckt. Die Emmausjünger verlassen Jerusalem im Zustand der Enttäuschung – und begegnen dem Auferstandenen gerade auf diesem Weg, der zunächst keiner war. Und selbst Jesus ist unterwegs: Er zieht «von Ort zu Ort» (Lk 4,43), ohne festen Besitz, ohne Sicherheit, allein getragen vom Willen des Vaters. Aufbruch ist von diesem biblischen Grundmuster her kein «moralisches» Projekt, sondern eine geistliche Grundbewegung. Gott ruft Menschen aus dem Verharren heraus. Nicht, weil das Alte schlecht wäre, sondern weil Leben nur dort wächst, wo Bewegung möglich bleibt. Glauben heisst daher nicht, eine Position zu halten, sondern bereit zu sein, sich von Gott herausrufen zu lassen – aus Gewohnheiten, aus starren Bildern, aus Ängsten, manchmal sogar aus Liebgewonnenem. Gott bricht die Nussschale des Verharrens auf. Der christliche Weg ist ein Weg des Exodus: herausgeführt werden, um hineingeführt zu werden. In jedem Aufbruch steckt schon Hoffnung auf ein Ankommen – vielleicht bereits als konkretes Ziel, vielleicht erst als unbestimmte Sehnsucht. Die Schrift zeigt, dass Gott nicht nur zum Weg ruft, sondern auch zur Ankunft, zum Ziel. «Kommt und seht» (Joh 1,39), sagt Jesus den ersten Jüngern – und sie bleiben bei ihm. Ankommen meint hier mehr als geografische Ruhepunkte. Es ist das innere Finden: bei sich selbst, bei anderen, bei Gott. Ein solches Ankommen ist nicht das Ende des Weges, sondern das Ziel seiner Bewegungen. Wir wachsen ein Stück tiefer in die Wahrheit Gottes hinein. Viele Menschen spüren heute eine Spannung zwischen beiden Bewegungen. Man möchte aufbrechen, aber nicht alles hinter sich lassen; man sehnt sich nach Ankommen, aber weiss nicht genau, wo. Vielleicht ist das geistlich gesehen gar kein Problem, sondern die normale Verfassung des Glaubenden: Wir leben «zwischen Ostern und Vollendung», zwischen dem Aufbruch des neuen Lebens und dem Ankommen in Gottes endgültigem Frieden. Manchmal bricht Gott etwas in uns auf; nicht um uns zu verletzen, sondern um uns fähig zu machen, neu aufzubrechen. Und manchmal führt er uns an Orte oder in Beziehungen, in denen wir ankommen dürfen, ohne stehenzubleiben. Glaube lebt aus diesem Rhythmus: aufbrechen – ankommen, loslassen – empfangen, sich öffnen – gehalten werden. Wer sich auf den Weg mit Gott macht, wird nicht unendlich unterwegs bleiben. Jeder echte Aufbruch führt – oft über Umwege – zu einem Ort, den Gott bereitet hat. Und jede Ankunft wird, wenn die Zeit gekommen ist, zum neuen Ausgangspunkt eines Weges, den wir noch nicht kennen. Ich wünsche Ihnen einen guten Aufbruch in die Sommerferien! Bischof Felix Gmür 13

Lieber Bruder Franziskus Deine Umkehr einmal anders! Du bist zwar bekannt für Überraschungen, aber dieses Mal geht es nicht um deine damalige Umkehr zu Gott. Allerdings hat der radikale Bruch mit deinem weltlichen Leben bzw. dein Aufbruch in ein neues Leben der Nachfolge Jesu in Armut und Demut, deine Familie und Freunde sehr überrascht und hart getroffen. Nein, heute geht es um deine Umkehr in Form eines Aufbruchs deiner Gebeine, die ausgestellt wurden, in der Hoffnung, deine Botschaft von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung vielen pilgernden Menschen nahe zu bringen. Damals war deine Begegnung mit dem Aussätzigen der Aufbruch in ein Leben, das dich bei dir selbst ankommen liess. Die Auswirkung dieser Begegnung war für dich der Anfang eines lebenslangen Weges, der immer wieder vom Aufbrechen und Ankommen geprägt war. Heute sollst du bei den Menschen des 21. Jahrhunderts ankommen. Stelle dir vor: 800 Jahre nach deinem Tod hiess es für dich wieder aufbrechen und ankommen. Aber wie erwähnt, bist nicht du es, sondern sind es deine Gebeine, die aufbrechen und den Menschen nahegebracht werden mussten. Was sagst du dazu? Kannst du dir das vorstellen? Die Metallkiste, in der deine sterblichen Überreste in der Krypta der dir geweihten Basilika in Assisi ruhten, wurde aufgebrochen. Deine Gebeine lagen in der Länge von 1, 39 Metern ordentlich in einem Glassarg in der Unterkirche der Basilika und waren während einiger Wochen zur öffentlichen Verehrung ausgestellt. Auf diese Weise sollte deine Botschaft die Pilgerinnen und Pilger berühren und sie vielleicht zur Umkehr oder zum Umdenken bewegen. Über den Sinn dieser Ausstellung kann man verschiedener Meinung sein. Aber es wäre wertvoll, wenn die Verehrung deiner Gebeine Anstoss gegeben hätte, über den Frieden und unsere Verantwortung im Umgang mit den Mitmenschen und der gesamten Schöpfung nachzudenken. Wie wichtig ist gerade in unseren Tagen deine Friedensbotschaft von damals. Das Motto der Ausstellung trug den Titel «Franziskus lebt». Ja, du und deine Botschaft leben in meinem Herzen weiter, auch ohne Besichtigung deiner sterblichen Überreste. Und ich wünschte allen Menschen einen Zugang zu deiner Denk- und Lebensweise, ein Aufbruch der Herzen für den Frieden der Welt. Du wusstest, dass dich Schwester Tod in ein neues Leben führen würde, doch du hast bestimmt nicht damit gerechnet, 800 Jahre später auf diese Weise ins «irdische Leben» zurückgeholt zu werden. So kann man sich täuschen, lieber Bruder Franziskus. Bleibt zu hoffen, dass durch diese Ausstellung deine Botschaft von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung bei den Menschen angekommen ist und Früchte bringt. Möge auf diese Weise der Titel der Ausstellung «Franziskus lebt» nicht toter Buchstabe, sondern Leben erweckendes Motto gewesen sein. Pace e bene! Deine Sr. Nadja «So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Umkehr zu Gott zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süssigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.» (aus dem Testament des Hl. Franziskus) Franziskanische Inputs 14

Ein Aufbruch zu den franziskanischen Wurzeln Franz von Assisi kennen viele. Auch ich «kannte» ihn, bin ich doch in eine Gemeinschaft eingetreten, deren Lebensweisungen auf der Regel des Heiligen von Assisi gründen. Doch was heisst kennen? Die Ordensausbildung führte in die franziskanische Spiritualität ein und im Lauf der Jahre haben Lektüre, franziskanische Feste und gelebter Alltag diesen Geist wachgehalten. Doch ich spürte eine Sehnsucht nach mehr. Interessiert höre ich von Online-Vorlesungen des Kapuzinerbruders Niklaus Kuster und melde mich an. Ich tauche ein in das Leben des Franziskus und lerne viel Neues anhand von Quellentexten. Ich werde mitgenommen in die mittelalterliche Lebenswelt des Heiligen, höre von seinem Suchen und Unterwegssein in der Nachfolge des Evangeliums. Ich werde eingeführt in die Tiefe und Weisheit seiner Schriften und in die Poesie seines Sonnengesanges. Br. Niklaus erschliesst uns eine Spiritualität, die bis heute fasziniert: Frieden bringen, alle Menschen als Geschwister verstehen, Andersgläubige achten, der ganzen Schöpfung mit Ehrfurcht begegnen, eine einfache, solidarische Lebensweise pflegen und aus den Quellen des Evangeliums leben. Durch die Vorlesungen bin ich zu einer interessierten und begeisterten Franziskus-Schülerin geworden. Deshalb hat mich die Einladung von Bruder Niklaus zu einer Studienreise nach Assisi sehr gefreut. In der Frühe des Ostermontags bin ich aufgebrochen und treffe in Assisi eine buntgemischte Gruppe. Br. Niklaus Kuster und Sarah Elisa Kreutzer führen uns durch diese Tage. Ich begegne den Orten, wo Franziskus seinen Lebenssinn suchte, Krisen durchlitt, draussen vor der Stadt die Stille entdeckte und Christus begegnete. Eindrücklich erlebt habe ich die Wege, die wir durch die Landschaft gewandert sind. Wir haben die Orte aufgesucht, die klein und einfach ihren ursprünglichen Charakter bewahrt haben und noch von Franziskus erzählen. Kennengelernt habe ich auch das mittelalterliche Gottesbild, mit dem Franziskus aufgewachsen ist: Gott als thronender Weltenherrscher, abgebildet im Türsturz von San Rufino, dem Dom von Assisi. Doch der suchende, junge Franz begegnete in einer zerfallenen Kirche einem ganz anderen Gott – einem Gott auf Augenhöhe. Unerwartet wird mir die Begegnung mit Klara geschenkt. Franziskus und Klara gehören zusammen, Im mittelalterlichen Assisi spüren wir Klaras Leben als junge Adelige nach. Ich lerne eine starke Frau kennen, die allein ihrer Sehnsucht folgt, aus der Stadt flüchtet und unerschrocken ihren Weg geht. Auch Klaras Wege sind wir gegangen. Das Gehen ihres Weges hat mich etwas von ihrer Entschiedenheit und ihrem Mut erspüren lassen. Mit den Vorlesungen bin ich innerlich aufgebrochen, die franziskanische Spiritualität zu vertiefen. Mit der Reise nach Assisi durfte ich Franziskus und Klara unmittelbar begegnen. Mit noch mehr Freude und Interesse folge ich nun ihren Spuren - um wie sie - den menschgewordenen, armen Christus tiefer zu entdecken. Sr. Rahel Künzli 15

Zwei Momente – ein Weg Zwischen diesen beiden Momenten – dem eiligen Aufbruch und der erhofften Ankunft – öffnet sich ein Weg. Menschen machen sich auf und hoffen, dass ihre Bewegung auf ein Gegenüber trifft, das sich ihnen zuwendet. Diese Hoffnung haben die 10 Aussätzigen, von denen das Evangelium des 14. Sonntags nach Trinitatis berichtet. Im Duett einer Kantate, geschrieben 1724 für diesen Sonntag, setzt Bach ihren Weg in Musik um und macht hörbar, dass Veränderung dort geschieht, wo man sich auf den Weg macht. «Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten o Jesus zu dir!» Aufbrechen und Ankommen – Ausgangspunkt und Ziel! Keine Orte, sondern Hoffnung und Begegnung! «Wir eilen …», ein Eilen, nicht aus Angst, sondern aus Erwartung. Sr. Renata Geiger Cantate domino Das Duett ist ein Weg-Stück. Schon das instrumentale Ritornell am Anfang weist darauf hin. Die durchgehenden Achtelnoten im Bass treiben unablässig voran. Das Ziel bleibt im Blick. Darüber beginnen Sopran und Alt ihren Dialog. Zwei Stimmen auf demselben Weg, die sich gegenseitig antreiben. Aber immer wieder gibt es auch Ruhepunkte. Jede Kadenz ist schon ein Blick auf das Ankommen und jede neue Imitation ist wieder ein Aufbruch. Der Weg geht weiter. Während das Eilen am Anfang fast atemlos wirkt, findet die Musik im Mittelteil zu einer grösseren Ruhe, auch wenn die Bassstimme weitereilt. «Du suchest die Kranken und Irrenden treulich» Hier wird Bezug genommen zum Evangelium von den zehn Aussätzigen. Die Perspektive verschiebt sich. Jetzt steht nicht mehr das menschliche Eilen im Zentrum, sondern das Gesuchtwerden. Bei «Kranken» und «Irrenden» verlässt Bach die tonale Sicherheit, setzt Dissonanzen. Klanglich wird hier etwas spürbar von Leid und Verlorenheit. Aber jetzt kommt die Initiative von einer anderen Seite – Suchende werden zu Gesuchten. Darum wagen sie zu bitten: «Ach, höre …» Auf das «Ach» folgt eine lange Pause. Bleibt dem Rufer die Luft weg nach dem Eilen oder verstummt er vor Ehrfurcht? Ich weiss es nicht. Vielleicht ist die Pause hier die musikalische Darstellung von Hoffnung und banger Erwartung. Denn nachher folgt die Bitte «höre!». Das barocke Seufzermotiv – kleine, abwärtsführende Sekunden – lässt Schmerz hörbar werden. Dissonanzen verzögern die Auflösung. Dann nochmals eine lange Pause – Musik als Fragen und Warten! «Es sei uns dein gnädiges Antlitz erfreulich» Das Rufen hat sich gelohnt. Die Klangfarbe ändert sich. Die Musik wird heller und bewegter. Sopran und Alt singen gemeinsam in Terz- und Sextabständen, Intervalle, die Freude und Harmonie ausdrücken. Das Motiv vom Anfang wiederholt sich. Aber es ist kein "Hintereinanderherlaufen" mehr wie zu Beginn. Die Bewegung ist zur Ruhe gekommen. Sie hat ihr Ziel erreicht, die Begegnung mit dem, der Heilung verspricht. Aufbrechen und ankommen – Hoffnung und Begegnung. Dazwischen der Weg. Heil geschieht im Gehen. Und Ankommen ist nicht Abschluss, sondern Beziehung, die neues Leben ermöglicht. Das Duett aus Bachs Kantate Nr.78 «Jesu, der du meine Seele» ist auf Youtube zu hören. 16

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