6 Sr. Renata Geiger, Baldegg Das «verflixte» Sternchen Woran haben Sie gedacht beim Lesen dieser Überschrift? Vielleicht an ein Märchen? Vielleicht an die Filmsternchen, die sich in Hollywood und Umgebung tummeln? Oder sogar an das Gendersternchen? Nichts von alledem! Es geht um ein kleines Zeichen, das sehr wichtig ist und doch gerne übersehen, überschwatzt und übersungen wird. Es versteckt sich in unserem Stundengebet und nennt sich mit lateinischem Namen «Asteriscus». Doch zuerst zu unserem Stundengebet. Stundengebet – Innehalten im Tageslauf Wir Menschen schauen oft auf die Uhr. Wir brauchen Zeitangaben, um unser Tagwerk zu planen und zu gestalten. Im Stundengebet vertrauen wir unsere Stunden und Tage dem Schutz Gottes an. Bereits die frühen Christen knüpften an Traditionen des Volkes Israel an: «Siebenmal am Tag singe ich dein Lob» heisst es in der Bibel (Ps 119,164). Daraus entwickelte sich die Gewohnheit, den ganzen Tag durch das Gebet zu heiligen. Zu den unterschiedlichen Tageszeiten wird auf der ganzen Welt innegehalten und Gott gelobt. Das Stundengebet zwingt zum Innehalten an einem stressigen Tag und verweist alles Reden und Tun zurück auf Gott. So ist das Stundengebet eine gute Möglichkeit, den Tag zu strukturieren, innezuhalten, das Tempo zu drosseln, um dann aus der Stille heraus wieder neu zu beschleunigen. Tragendes Element des Stundengebetes sind die 150 Psalmen aus dem Ersten Testament. Es gibt keine Gebetszeiten ohne Psalmen, – und hier kommt das «verflixte» Sternchen, der «Asteriscus» ins Spiel. Das «verflixte» Sternchen * – Innehalten beim Stundengebet Das Stundengebet verhilft uns zum Innehalten während des Tages, das Sternchen zum Innehalten beim Psalmenbeten, bei den einzelnen Psalmversen. «Bei Gott allein kommt meine Seele zu Ruhe, * von ihm kommt mir Rettung.» Ps 62,1 Genau in der Mitte des Psalmverses steht das «verflixte» Sternchen. Irgendwie steht es quer. Logischerweise würde man doch am Ende des ganzen Verses innehalten. Aber eine Pause – mitten im Vers! Anselm Grün sagt zwar dazu: «Die Pause mitten im Vers ist geradezu das Herzstück der Psalmodie. Sie lässt dem Wort Gottes Raum zum Nachklingen.» Aber dieses Sternchen ist trotzdem eine Herausforderung, die Überschrift ist nicht umsonst gewählt. Es passt einfach nicht. Wer keine Übung hat im Psalmenbeten stolpert darüber, und auch bei den Geübten gibt es immer wieder einmal «Zwischenfälle». Warum will dieses Sternchen trotzdem eingehalten werden? Die Psalmen wollen nicht einfach heruntergelesen werden. Dieses unerwartete Sternchen in der Mitte lässt mich innehalten, lässt mich zur Ruhe kommen und lässt mich meine eigenen Gedanken mit dem Psalmwort in Verbindung bringen. Diese Pause ist aber auch der Raum zum Atmen, um dann mit Schwung den zweiten Halbvers singen zu können. Es gibt aber noch einen zweiten Grund und der hat mit der Psalmendichtung zu tun. «Als Israel aus Ägypten auszog, * Jakobs Haus aus dem Volk mit fremder Sprache». Ps 114,1 Was wir an diesem Psalmvers sehen, ist ein Merkmal der hebräischen Poesie, nämlich ein Parallelismus. Zwei aufeinander folgende Zeilen bilden einen Gedanken- oder Bildreim. Beide Zeilen wollen dabei als eine Einheit wahrgenommen werden. «Als Israel aus Ägypten auszog» * Das Sternchen lässt Zeit über diesen Gedanken nachzusinnen. Die Realität, die dabei erfahren wird, ist so überwältigend, dass eine Aussage allein nicht genügt. So wird sie nach dem Sternchen mit anderen Worten wiederholt «Jakobs Haus aus dem Volk mit fremder Sprache». und zugleich bestätigt. Damit ist dieser Gedankengang abgeschlossen und der nächste Vers kann ohne Pause folgen. So hat auch hier das Sternchen, so unscheinbar es ist, eine ganz wichtige Aufgabe. So «verflixt» es auf den ersten Blick erscheint, so unverzichtbar ist es, denn das Innehalten und wieder Beschleunigen ist das A und O oder – wie Anselm Grün es sagt – das Herzstück des gemeinsamen Psalmenbetens.
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