baldeggerjournal

10 Vom Mut, sich neu zu erfinden Prof. Dr. Gabriela Christen, Luzern Klöster werden oftmals mit Stille oder gar Stillstand assoziiert, sie werden als Orte gesehen, an die man sich zurückzieht, um in einsamer Meditation zum spirituellen Sein zu kommen. In der heutigen Wandelgesellschaft werden die Klöster mit ihren Traditionen und Werten wie der «Stabilitas», der Beständigkeit, zu Sehnsuchtsorten von Menschen, die sich dem schnellen Wandel und Innovationsdruck entziehen möchten. So suchen Menschen hier Ruhe vor der Herausforderung der Welt, in der sich die gesellschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen beschleunigen. Diese Vorstellung von Kloster entspricht nur einer Seite des klösterlichen Lebens. Andererseits waren die Klöster nämlich schon immer «Innovationszentren», und die Ordensgemeinschaften waren «kreative Communities», die massgeblich an der Entwicklung der westlichen Kultur und Bildung beteiligt waren. So wurde das Kloster Baldegg 1830 als ein Orden gegründet, der pionierhaft die Bildung der Frauen zur Aufgabe hatte, der im Lauf der letzten beinahe zweihundert Jahren kontinuierlich neue Aufgaben übernommen hat, Institute, Kurheime, Spitäler, Missionen gegründet und betrieben hat. Und dabei auch immer wieder Aufgaben abgegeben hat, wenn diese beispielsweise vom Staat übernommen oder nicht mehr benötigt wurden. So entwickelte sich das Kloster Baldegg im Rhythmus der Bedürfnisse der Welt und handelte als Pionierin im Wandel. Die Geschichte des Klosters Baldegg zeigt, wie Bewahren und Verändern zwischen der klösterlichen Vision und der aktiven Arbeit als tätiger Orden in der Gesellschaft gelebt wurden. Nun steht im Kloster Baldegg ein neuer Prozess der Veränderung an, denn die Transformation der europäischen Klosterwelt ist eine Tatsache. Durch die demographischen Veränderungen der letzten Jahre wegen dem fehlenden Nachwuchs überlegen viele Klöster, wie sie in die Zukunft gehen wollen. Dabei geht es auf der klösterlichen Ebene darum, in einer Zeit des Wandels die eigene Identität, Spiritualität und Werte weiterzuleben, sich aber gleichzeitig zu verändern. Und es stehen pragmatische Entscheide auf der betrieblichen Ebene der Klöster an: Wie kann sich das Kloster neu organisieren, wenn immer weniger Schwestern die Arbeiten verrichten können? Was geschieht mit den klösterlichen Betrieben wie Bildungs- und Kurhäuser oder landwirtschaftlichen Betrieben? Und wie geht man mit den denkmalgeschützten Gebäuden um, die für die Gemeinschaft zu gross werden? Auch in Baldegg sind solche Gebäude da, gross, eindrücklich und von eminenter baukultureller Bedeutung, insbesondere das radikale Kloster des amerikanischen Architekten Marcel Breuer auf dem Hügel der Sonnhalde, das Mutterhaus mit dem Pflegeheim, in dem heute die meisten Schwestern leben. Das Kloster Baldegg hat sich entschlossen, diese Veränderungen aktiv anzugehen, genauso, wie es in seiner Geschichte immer auf die Herausforderungen der Zeit reagiert oder diese antizipiert hat. 2022 wurde der Strategieprozess «Weg in die Zukunft» gestartet, der umfassende interne und externe Analysen zu den klösterlichen und betrieblichen Fragen anstellt und bis zum Generalkapitel 2023 mögliche Wege und Szenarien für die Zukunft des Klosters aufzeigen wird. «Vom

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