9 Auf die Frage, was bist du, antworten wir mit veränderbaren Eigenschaften und meinen damit den Menschen als sich entwickelnde und sich verändernde Persönlichkeit. Diese Persönlichkeit ist die erfahrbare Seite der Person. Ein Kind entwickelt sich zu einer herausragenden Persönlichkeit; aber es kann auch geschehen, dass sich die einst strahlende Persönlichkeit - vielleicht durch altersgemässe Veränderung - ins Geheimnis der Person zurückzieht. Die Brücke zwischen Person und Persönlichkeit bildet unser Gedächtnis. Wir erfahren mit unseren Sinnen Tag und Nacht, Frühling und Sommer, Kindheit und Alter. Diese Erfahrungen gehen aber nicht verloren. Wir können sie verinnerlichen. So bewahren wir das Veränderte in der Erinnerung auf. Wir können es in die Gegenwart zurückrufen und leiden darunter, wenn uns das Gedächtnis im Stich lässt. Die Dichter haben dies alles besonders wahrgenommen. Rilke lebt sein Leben in wachsenden Ringen, Hermann Hesse ändert sich von Stufe zu Stufe und Bergengruen weiss, dass wir hinter aller Veränderung zu allen Zeiten ein Kind der Ewigkeit sind. Das treffendste Beispiel aber bietet Goethe. Der junge Goethe sieht das Heideröslein und will es brechen. Es wehrt sich zwar mit seinen kleinen Dornen, aber es ist zu schwach. Hier verändert der Dichter, indem er zerstört. Der alternde Goethe sieht das Röslein anders. Er hört ein feines Stimmchen: «Sollt’ ich zum Welken gebrochen sein?» Goethe gräbt das Röslein mit allen Würzelein aus und pflanzt es in seinem Garten ein. Dort blüht es fort. Mit anderen Worten: Goethe bewahrt, indem er verändert. Das Geheimnis von bewahren und verändern in der Kirche Jesu Auch die Kirche hatte seit eh und je mit bewahren und verändern zu tun. Heute stellt sich besonders dringend die Frage, ob sie sich selbst bewahrt hat in den 2000 Jahren ihres Bestehens. Die Antwort deutet Papst Johannes der XXIII mit dem Stichwort «Aggiornamento!» an. Er will damit sagen, die Kirche muss auf der Höhe ihrer Zeit bleiben und daher die Zeichen der Zeit sorgfältig beachten. Aber sie muss diese Zeichen auch als Anruf Gottes verstehen. Sie muss mit der Zeit gehen, aber darin nicht untergehen. Das deutliche Zeichen dafür ist die Eucharistie. Da sind zum einen Brot und Wein. Sie bleiben – auch nach der Wandlung – materiell unverändert Brot und Wein. Doch geistlich gesehen sind sie jetzt etwas wesentlich anderes. Jesus selbst sagt sich Brot und Wein in einer Weise zu, dass er daran zeichenhaft, aber auch leibhaft gegenwärtig sein will. Er bewahrt seine Gegenwart unter uns und damit auch die Kirche selbst. Und dieser Kirche hat er versprochen, er selbst werde sie mit seiner Gegenwart bewahren bis ans Ende aller Zeiten. Gott bewahre! Sie haben, lieber Leser, liebe Leserin das «Baldegger Journal» gegenwärtig in den Händen. Die einen bewahren das Blatt auf, die anderen legen es gelegentlich weg. Aber vielleicht und hoffentlich bewahren alle eine gute Erinnerung für sich auf. Hoffentlich haben Sie sich nicht gelangweilt oder geärgert. Gott bewahre! Doch vielleicht sagen Sie jetzt: «Gott bewahre uns auch die Freude, die uns bei der Wandlung der Ewigkeit entgegenführt, in der wir für immer in Gottes Liebe bewahrt sind. Gott bewahre!»
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