8 Dr. P. Albert Ziegler SJ, Zürich Seit 14 Tagen bewohne ich das Krankenzimmer eines grossen Spitals. Die Krankheitserreger haben sich noch nicht verändert, dafür habe ich die Krankheit bewahrt. Dies gibt mir aber Zeit und Gelegenheit, über bewahren und verändern in Ruhe nachzudenken. Meine umtriebige und treubesorgte Mitarbeiterin bemerkt allerdings, dass sich meine Gedanken allzu sehr im Theoretischen bewegen. Recht hat sie! Aber im Alltagsgeschehen des Krankenzimmers ändert sich eben nicht viel. Der Tagesablauf bleibt unverändert. Alles hat seinen Platz und seine Zeit. Anders ist ein Spital auch nicht zu führen. Was also hat es mit dem Wortpaar bewahren und verändern auf sich? Bewahren sehen wir eher positiv, verändern meist eher negativ. Diese Auffassung hängt wohl damit zusammen, dass wir das Wort bewahren mit den Wörtern bewähren und bewahrheiten in Verbindung bringen. Was sich bewährt und bewahrheitet hat, soll bewahrt werden. Herkunftsmässig hat das Wort bewahren aber nichts mit der Wahrheit zu tun. Es bedeutet vielmehr wehren. Wer bewahren will, muss sich gegen vielerlei Gefahren wehren. Daher unser Schreckensausruf: «Gott bewahre! Das aber auf keinen Fall!» In der Tat: Wer bewahren will, muss eine Wehr errichten gegen einen drohenden Dammbruch und einen Zaun aufstellen gegen beissende Wölfe. Kurz gesagt können wir damit die Frage bewahren und verändern in drei Sätzen zusammenfassen: Erstens: Wer bewahren will, muss sich gegen Zerstörung wehren. Zweitens: Wer bewahren will, darf sich nicht gegen Veränderungen wehren. Drittens: Wer bewahren will, muss so verändern, dass das Ursprüngliche in neuer Weise zur Geltung kommt. In der bisherigen Betrachtung stehen bewahren und verändern gleichermassen nebeneinander. Doch sind sie nicht inniger miteinander verknüpft? Dann hiesse es, bewahren ist in unserer gegenwärtigen Wirklichkeit nur in der Form der Veränderung möglich.Verändern ist eine Voraussetzung und Begleiterscheinung des Bewahrens. Schon die alten Römer haben gewusst: «Tempora mutantur, et nos mutamur in illis.» (Die Zeiten ändern sich, und wir uns in ihnen.) Das aber führt zur dritten Frage: Was behält die Oberhand, das Bewahren oder das Verändern? In der materiellen Wirklichkeit und damit in Raum und Zeit dürfte es das Verändern sein. Die Zeit geht und vergeht. Schon die alten Griechen haben gewusst: «Wir steigen nicht zweimal in den gleichen Fluss.» Die Philosophen rechnen aber mit einer immateriellen geistigen Wirklichkeit. Diese ist der Veränderung enthoben. Es gibt nur die ewige Dauer. Der christliche Glaube sieht in all dem das grosse Geheimnis Gottes. Der unveränderbare ewige Gott geht in der Menschwerdung in die veränderbare Wirklichkeit ein und unterwirft sich allen Veränderungen des zeitlichen Lebens von der Empfängnis bis zum Tod. In Jesus Christus, der unverändert Gott bleibt und ein veränderlicher Mensch wird, wird Bewahren und Verändern zum Geheimnis des Glaubens. Doch was heisst das praktisch? Die Berufe des Bewahrens Wir haben am Bahnhof eine Gepäckaufbewahrung. Ich gebe ein Gepäckstück ab, damit es nicht abhandenkommt und damit ich es zu gegebener Zeit unbeschädigt zurückerhalte. Mehr geschieht nicht. Es wird nicht bewahrt, sondern nur unverändert «aufbewahrt». Das Zweite ist der Konservator. Er pflegt. Er bewahrt etwas so auf, dass es zugleich pfleglich behandelt wird, damit es in seinem ursprünglichen Zustand und in bester Form erhalten bleibt. Doch oft genügt das nicht. Es bedarf des Restaurators.Am schönen klassischen Bild sind kleine Risse entstanden, oder die Farbe hat ihre Leuchtkraft verloren. Der Restaurator macht sich ans Werk und bemüht sich, die ursprüngliche Schönheit des Gemäldes wiederherzustellen. Er verändert, indem er nicht verbessert, wohl aber «ausbessert». Der Mensch bewahrt sich in der materiellen Wirklichkeit, indem er sich ändert Nach dem Menschen können wir in zweifacher Weise fragen. Entweder: Was bist du, oder Wer bist du? Auf die Frage wer antworten wir mit dem eigenen Namen. Wir meinen damit die Person. Der Mensch ist in seinem Kern Person und bleibt damit unveränderlich als einzigartiges Individuum er selbst. Weder er noch andere können ihn ganz durchschauen. Er bleibt sich und anderen Geheimnis. Bewahren und Verändern vom Krankenzimmer aus: Gott bewahre!
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