baldeggerjournal

7 Dr. Felix Gmür, Solothurn, Bischof von Basel Bewahren und Verändern Der Ruf nach Veränderungen in der katholischen Kirche ist in verschiedenen Lautstärken zu hören. Auch Papst Franziskus hört das Rufen. Er antwortet darauf, indem er den synodalen Prozess zur Erneuerung der Kirche angestossen hat. Wie bei jedem Aufbruch geht es um die Frage, was es zu bewahren und was es zu verändern gilt. Dies erwies sich auch als grundlegend für die Umfrage im Rahmen des synodalen Prozesses. Schweizweit und im Bistum Basel sind wir derzeit dabei, mit den Befragungsergebnissen weiterzuarbeiten. Das ist ein komplexes Unterfangen – zumal die Vorstellungen von Erneuerung der Kirche zum Teil sehr heterogen sind und verschiedene Reichweiten haben. Es braucht einen Bezugspunkt, um unter all den Stimmen nicht die Übersicht zu verlieren. Das ist der Teil «bewahren». Im Wort steckt das Wort «wahr». Es gilt also darauf zu achten, dass wir bei allen Veränderungen das Wahre nicht abstossen, sondern erhalten. Ich knüpfe hier gerne an Ostern an und rücke die Begegnung zwischen Maria Magdalena und dem Auferstandenen in den Vordergrund. Die Schilderung des Evangelisten Johannes berührt mich zutiefst: Maria weint am leeren Grab. Sie ist untröstlich. All das, was für sie Leben in Fülle verheissen hat, jede fassbare Stütze ist auf einmal weg. Jesus ist tot. Vermeintlich wurde obendrein auch noch sein Leichnam gestohlen. Maria schaut fassungslos zurück. Sie schaut ins leere Grab. Sie trauert um Jesus, trauert um die Vergangenheit, um Sicherheiten, um ersehntes Leben in Fülle. Sie wollte Jesus festhalten, das Glück behalten. Zurück blieb der Tod. Nur der Tod. Gefangen in der Vergangenheit, in zerbrochenen Sicherheiten und überwältigenden Emotionen, erkennt Maria den Auferstandenen zunächst nicht. Erst als er sie beim Namen nennt, öffnet sich ihre Wahrnehmung. Dann wird das scheinbar Unmögliche Wirklichkeit. Es ist die Begegnung mit Jesus selber, die Maria Magdalena aus ihrer Trauer und aus ihrem Festhalten befreit. Die Begegnung steht am Beginn ihrer Mission. Ihre zweite Hinwendung zu Jesus bringt dies im Körpergestus zum Ausdruck. Maria wendet sich Jesus zu, erkennt ihn, sich selber – und zugleich eine Zukunft. Sie wird zur Verkünderin der Osterbotschaft, zu einer Botin der Hoffnung, des Lebens, des Heils für alle Menschen. Bewahren ist gleichzeitig Abschied und Öffnung. Nichts anderes ist der Auftrag der Kirche. Jedes Verändern, Vorwärtsgehen und Loslassen kommt aus der Hinwendung zum Auferstandenen. Loslassen ist häufig mit Wehmut oder mit Schmerzen verbunden. Es ist ein Abschied von vermeintlichen oder tatsächlichen Sicherheiten. Deshalb braucht es einen Perspektivenwechsel. Bei jeder kirchlichen Entscheidung darüber, was es zu bewahren oder zu verändern gilt, ist zu prüfen, ob die «direkte» Begegnung mit Jesus, z.B. im Sakrament, eher gefördert wird und dadurch den Glauben stärkt, oder ob andererseits der Glaube verflacht und sich verflüchtigt. Jesus Christus, der Auferstandene, und die Begegnung mit ihm ist der Referenzpunkt bei jeder Abwägung.

RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=