6 Sr. Boriska Winiger, Baldegg Eifach nömme wie früener! Ich erinnere mich, wie ich als Kind aufmerksam die Gespräche der Erwachsenen verfolgte, wenn etwa Verwandte auf Besuch waren. Öfters hörte ich: «S›esch nömme wie früener!» Später als Jugendliche haben wir uns lustig gemacht und gedacht: «Was ist denn heute so anders oder gar so schlimm? Die sind halt altmodisch.» Und heute rutscht einem dieser altbekannte Spruch auch über die Lippen. Uns Baldegger Schwestern gibt es seit 1830. Niemanden würde es einfallen, wehmütig diese Anfänge herbeizusehnen, wo streng auf den Feldern gearbeitet werden musste und – wie es in der Geschichte heisst: «Von frühmorgens bis in den späten Abend regten sich fleissig die Hände, um die Schulden des Schlossgutes verzinsen zu können.» Dazu hemmten die Folgen des Sonderbundkrieges eine harmonische Entwicklung der jungen Gemeinschaft. Heute staunen wir über die vielen karitativen Werke, die bereits Geschichte sind. Bildung und Krankenpflege gehörten zu den ersten Tätigkeitsfeldern der Baldegger Schwestern. Viele Schwestern haben sich während ihres ganzen Ordenslebens in den verschiedensten Bereichen eingesetzt. Sie haben Entwicklungen nicht nur mitgemacht, sondern auch mitgestaltet. Die beiden Anästhesie-Schwestern, Sr. Waltraud und Sr. Ilga, schauen zum Beispiel zurück und geben Antworten auf meine Fragen: «Was hat sich im Beruf verändert? Was hätte man bewahren sollen? Welche Veränderungen bedauert ihr?» «Die Technik hat Einzug gehalten, und das Überwachen der Apparate rückte in den Vordergrund. Viele Tätigkeiten wurden vermehrt zur ärztlichen Angelegenheit. Durch die Technik ist zwar optimale Sicherheit gewährleistet; die menschliche Zuwendung aber ist der Preis, den man dafür bezahlt. Vor lauter Überwachen der Geräte fehlt die Zeit am Krankenbett. Das ist schade.» Eine andere Schwester, mit Leib und Seele Krankenschwester, erzählt, wie sie selbstverständlich und mit Freude gearbeitet hatte, ohne die Stunden zu zählen. Ein Schatten huscht über ihr Gesicht, wenn sie sich erinnert, als man plötzlich die Zeit erfassen musste, Überstunden einkassieren und die freien Tage zu zählen hatte. Im Akutspital hat aus ihrer Sicht der Beruf der Krankenschwester durch den Einzug der Technik etwas die Seele verloren. Schon die neue Bezeichnung «Fachfrau Gesundheit» sagt viel aus über das veränderte Berufsbild. Anderseits darf man nicht vergessen, dass besonders in den Pflegeheimen die Betreuung dank neuer Modelle individueller geworden ist. Auch neue Erkenntnisse und der technische Fortschritt ermöglichen kranken und betagten Menschen viel Lebensqualität, was nicht zu unterschätzen ist. Blättern wir zurück und wenden wir uns der Bildung zu. Schon bald nach der Gründung wurde in Baldegg ein Seminar eröffnet, das bis 2005 viele junge Frauen zu kompetenten Lehrerinnen ausgebildet hatte. Sr. Marie-Stefan, während vielen Jahren Volksschullehrerin, blickt zurück: «Die Klassengrössen haben sich verändert. Wenn man früher bis zu 50 Kinder in der Klasse hatte, waren es später ‹nur› noch 25. In den unteren Klassen lösten Elterngespräche die Zeugnisse ab. ‹Handarbeit und Werken› werden in gemischten Klassen unterrichtet, und die Fächer heissen jetzt ‹Textiles und Technisches Gestalten›. Auch die Knaben müssen beispielsweise Nähen, Stricken und Haushalten erlernen. Der Lehrplan 21 brachte weitere grundlegende Veränderungen: Englisch wird schon ab dem 3. Schuljahr vermittelt, und zwei Jahre später kommt Französisch dazu. Angepasste Lehr- und Lernformen haben das ermöglicht. Wenn auch viele Sitzungen, Vorschriften und die Migration den Lehrerberuf nicht leichtmachen – man darf sagen, dass man versucht hat, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Auch in der Sonderpädagogik ist die Zeit nicht stillgestanden. Der Ruf der Eltern nach Integration und Teilhabe ihres behinderten Kindes am öffentlichen Schulbetrieb haben die sonderpädagogischen Einrichtungen vor grosse Herausforderungen gestellt. Die Ausbildung der zukünftigen Lehrpersonen, aber auch die Konzepte der Sondereinrichtungen mussten sich massiven Veränderungen stellen. «S‘esch nömme wie früener!», sage ich selber nach mehr als 50 Jahren Tätigkeit in der Sonderpädagogik. Ob es besser war? Ich würde es so sagen: Wir haben lediglich - nach den damaligen Verhältnissen - das Bestmögliche getan. Entwicklungen müssen sein, die Entscheidungsträger jedoch sollten nicht vergessen: «Prüft alles, und behaltet das Gute!» (1 Thess 5,21).
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