baldeggerjournal

11 Bewahren und Verändern», – vom Thema dieses Baldegger Journals ist in diesem Prozess immer wieder die Rede, und immer wieder zeigt sich, dass dieses Begriffspaar keine Gegensätze ausdrückt, aber durchaus Spannung in sich trägt. In seinem Essai «Zukunft braucht Herkunft» beschreibt der Philosoph Odo Marquard diese Spannung zwischen «Schnelligkeit (Zukunft)» und «Langsamkeit (Herkunft)». «Es kommt ganz im Gegenteil gerade darauf an, in der modernen Welt die Spannung zwischen Langsamkeit und Schnelligkeit auszuhalten». Bewahren und verändern lassen sich so nur gemeinsam denken, und dies gilt umso mehr für eine Ordensgemeinschaft, die sich als Wertegemeinschaft in religiösen Traditionen entwickelt. Bewahren und Verändern, – was wie ein Gegensatz klingt, kann also gleichzeitig stattfinden. Dies zeigen auch die Entwicklungen im Kloster Baldegg der letzten Jahre. Hier hat insbesondere das alte Kloster bereits grosse Veränderungen erlebt: Eine neue Gemeinschaft mit jüngeren Schwestern hat nach der Schliessung der Schulen und der Kurhäuser die Klosterherberge als Ort der Gastfreundschaft, als «Haltestelle für das Leben» aufgebaut, Wohnungen bieten klosternahes Leben, und in Ateliers kann gemalt, Kunst produziert oder musiziert werden. Diese Veränderungen haben neue Wirkungsmöglichkeiten, neue Verbindungen zur Welt und zur Region mit sich gebracht. Aktuell denkt eine Arbeitsgruppe darüber nach, wie dem Wirken der Schwestern in der «Haltestelle für das Leben» weitere Tätigkeitsfelder erschliessen wird. Auch die «Stella Matutina» – die Hertensteiner Filiale des Klosters, hat sich in den letzten Jahrzehnten transformiert. Aus dem Unterrichtsort für Mädchen und jungen Frauen ist ein Bildungshaus für unterschiedliche Gäste geworden. Nun wird in einem weiteren Schritt das «Haus der Zukunft» entstehen. Hertenstein soll zu einem Think Tank für die Wandelgesellschaft werden: Neue Formen der Landwirtschaft wie Permakultur, nachhaltige Wohnformen, die Künste werden im Zentrum der Aktivitäten stehen. Und schliesslich hat die Leitung des Klosters entschieden, in den nächsten Jahren über die Zukunft des Mutterhauses in Baldegg nachzudenken. Das wunderbare Kloster von Marcel Breuer wird in diesem Jahr 50 Jahre alt, und dies ist Anlass, die Geschichte des Klosters, die spirituelle Qualität der Räume mit ihren vielfältigen Bezügen zur Natur und dessen künftige Potentiale zu analysieren und in einer Publikation zu reflektieren. «Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, müssen wir zulassen, dass sich alles verändert», das Zitat des italienischen Schriftstellers Giuseppe di Lampedusa ein inspirierender Echoraum für das Nachdenken über das Bewahren und das Verändern. Bewahren und verändern sind zwei Bewegungen, die ineinandergreifen und Aufbruch und Gleichgewicht gleichzeitig suchen. Welche Veränderungen sich in Baldegg aufgrund der Geschichte des Klosters und der aktuellen Herausforderungen ergeben werden, ist offen. Sicher ist, dass diese der klösterlichen Tradition folgen werden: Dem Willen, sich neu zu erfinden, um weiterhin einen Beitrag zur Entwicklung der Welt zu leisten und dem Mut zur Veränderung aus der franziskanischen Spiritualität und der eigenen Geschichte heraus.

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