4 Zwischen «salü und tschau»– ein Weg innerer Wandlung Nach Assisi reise ich besonders gerne, mit dem Zug, per Bus oder auch schon zu Fuss. Unabhängig von der Fortbewegungsart ist es stets ein Abenteuer, die markante Stadt am Berghang zu entdecken. In einer Gruppe reisend stellt sich ein suchendes Ausschauhalten ein. Alleine unterwegs ist es eher ein stilles, interessiertes, erwartungsvolles und gleichzeitig erinnerungsgeladenes Schauen auf das Kommende. Mich der Stadt, ihrer Geschichte, ihrer Architektur, Kunst und ihren Liturgien zu nähern, ist verbunden mit den beiden Heiligen und was ihr Leben mir für heute erschliesst. Franz war ein Pilger. Klara eine am Ort San Damiano Angekommene, Weilende und Wirkende. Unterschiedlicher könnten die äusseren Umstände nicht sein. Innen aber sind die beiden Wege verbunden in der Quelle, aus der sie schöpfen. Die Stadt und die Einsiedeleien im Leben von Franziskus waren Teil seines Unterwegsseins. In der Einsamkeit sammelte er Kraft und Inspiration, um im Dienst an den Menschen, die er wie alle Geschöpfe als Geschwister («fratelli tutti») ansprach, frei und gottbezogen zu wirken. Klara gestaltete ihren Alltag und den ihrer Mitschwestern zwischen Klausur und Hospiz. Die Begegnung mit den Aussätzigen, mit Besuchern aus der Stadt, den Hilfesuchenden aller Art, bis hin zum Papst bewegten sie und die Schwestern. Alle und alles trugen sie in die Gegenwart Gottes. Über das Erlebte und Erfahrene beteten sie in der Klausur. Das Assisi von heute lebt von der Geschichte und Lebensweise der beiden Heiligen und ihrer Ausstrahlung, die sich über die Jahrhunderte hinweg weiter entfaltete durch die nachfolgenden Brüder und Schwestern. Die Spuren von Franz, der unterwegs war, um den Schöpfer alles Guten zu verkündigen, sind ebenso bedeutsam wie jene der noch immer in seinem Schatten stehenden Klara, die als Sesshafte weite Horizonte öffnete für das Menschliche und das Göttliche bei den Menschen ihres Alltags und ihrer Fürsorge. Kontemplative und aktive franziskanische Gemeinschaften gibt es bis heute in aller Welt - bei Brüdern und bei Schwestern. Jahr für Jahr kommen Tausende jeglichen Alters nach Assisi. Nicht nur Spirituelle, auch Kunstinteressierte, Umbrien Reisende, das Mittelalter nachspielende Menschen, Pilgernde, auch solche auf der Durchreise nach Rom oder sonst wohin, Tausende auf dem Friedensmarsch von Perugia her, verschiedenste Religionsvertreter und -vertreterinnen für das Friedensgebet, Jugendliche auf der Firm- oder Konfirmations- reise … und nicht zuletzt Schwestern und Brüder der franziskanischen Gemeinschaften aus aller Welt. Nach Assisi wallfahren ist immer neu ein Höhepunkt auf meiner Suche in den Spuren der Christusnachfolge von Franz und Klara. Die winkligen Gassen, die Plätze, die Burg, die Kirchen und Kapellen, die Häuser – sie alle erzählen aus der Zeit der Heiligen. Ihren Biografien nachgehend erzählt jeder Winkel der Stadt eine eigene Geschichte. Mal wissenschaftlich geprüft, mal eher als möglicher Ort. Immer aber als Inspiration für das eigene Suchen und Finden. Christus suchen bedeutet aufbrechen. Der Weg wird Heimat. Der innere Weg, die spirituelle Heimat ist mir Grundlage für das Weitergehen und für das Bleiben vor Ort und in Verantwortung für anvertraute Aufgaben. Begegnungen mit Menschen bieten mir Räume und Tore zur Welt und zum Himmel an. Ruheorte helfen mir, Erfahrenes zu bündeln und mich neu auszurichten. Deshalb sage ich gerne beherzt «salü» und «tschau». Denn weitergehen und mich neu einlassen bedeutet weniger äussere Veränderung als innere Wandlung. Sr. Beatrice Kohler
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