5 Von Weg und Ziel, von Bleiben und Aufbrechen Rudolf Hofer, Luzern Der Weg ist das Ziel, so lautet eine Weisheit unserer Zeitgenossen und -genossinnen. Der Spruch passt in unsere Zeit der Aufklärung, die den Menschen auf sich selbst gestellt sieht. Mit Versuch und Irrtum, «trial» und «error» tastet sich der Mensch vorwärts, und weil er sich immer wieder verrennt und niemals sagen kann: Der Fortschritt ist am Ziel angekommen, macht er aus der Not eine Tugend und sagt resigniert oder auch trotzig: Dann ist halt der Weg das Ziel. Sobald wir aber unsere Lebensgeschichte in die grösseren Bögen der Heilsgeschichte hineinstellen, bekommt der Spruch eine Rechtfertigung, die nicht von dieser Welt ist. Da hören wir die frohe Botschaft: ICH bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Das bedeutet: mit IHM auf dem Weg sind wir zugleich schon am Ziel. Weg und Ziel werden eins. Was ist denn das Ziel, was ist der Sinn des Lebens anderes als das Leben selbst, das Leben in Fülle? Nachfolge Jesu ist der Weg, die Methode, um das gefundene Ziel immer tiefer zu verstehen, zu verinnerlichen. Ein hilfreiches Beispiel für die Wahrheit dieses Spruches ist der Weg der zwei Jünger nach Emmaus, etwa 12 Kilometer von Jerusalem entfernt. Wie Jesus, der Auferstandene, sich zu ihnen gesellt, wird der Weg sogleich zum Ziel. Was sich da beim Wandern ereignet, ist das Neue, das Unerhörte. Das macht den Weg zum Ziel, nicht das Dorf Emmaus. Schliesslich bitten die Jünger den unbekannten Gefährten: Bleibe bei uns. Und wie ist es mit dem Wortpaar Bleiben und Aufbrechen? Sind das nicht auch existentielle Momente? Wieviel hängt doch für das Glücken des Lebens davon ab, dass wir im günstigen, im rechten Augenblick aufbrechen, zupacken! Die alten Griechen hatten für den rechten Augenblick sogar einen Gott. «Kairos» nannten sie ihn und stellten ihn mit einer Waage in der Hand dar. Sobald diese einrastet, gilt es loszurennen oder auch zuzupacken. Vorne die Stirnlocke, hinten die Glatze will sagen: Pack die Gelegenheit beim Schopf, hinterher gibt es nichts mehr zu fassen! Aufbrechen zur rechten Zeit und bleiben so lang wie nötig, das lehren uns auch die Zugvögel, nicht zuletzt die Störche auf den Dächern von Kirche und Institut Baldegg. Es ist die Natur, die mit Instinkten die Tiere lenkt. Nicht so bei uns; da übernimmt der Geist die Rolle des Instinktes. Glücklich, wer die Zeichen der Zeit zu deuten weiss, wer fühlt, wenn die Zeit für etwas vorbei ist und der Aufbruch für Neues gewagt werden soll! Alles hat und braucht seine Zeit. Den Israeliten auf ihrer Wanderung durch die Wüste war es gegeben: die Wolke über dem Bundeszelt zeigte an, wann Bleiben, wann Aufbrechen an der Zeit waren. Wenn die Wolke über dem Zelt anhielt und verweilte, schlugen die Israeliten ihre Zelte auf und brachen nicht auf. Erst wenn die Wolke sich erhob, brachen sie auf. So gibt es auch in unserem Leben und selbst in der Kirche, dem wandernden Volk Gottes durch die Jahrhunderte, Zeiten des Aufbruchs und Zeiten des Bleibens, der Konsolidierung. Ohne Feuerschein und Wolke gilt es, diese zu fühlen, – wohl eher im Hören als im Reden.
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