baldeggerjournal

19 Sr. Ilga Winiger blieb die Jüngste Das ist unsere Familienfoto: Links aussen ist Sr. Boriska, ich bin die zweite von links, neben mir sind Antonia, Anna, Lidwina, Agnes, Brigitta und in der Mitte Edi, unser Stolz. Mit meiner Mutter hatte ich ein besonderes Verhältnis, ich war halt ihre Jüngste. Die Geschwister sagten jeweils: Wenn s’Cili bei der Mutter ist, geht es ihr gut. Warum das so war, weiss ich nicht. Wir wohnten zuerst im Schulhaus. Vater war Lehrer und Organist in Eich. Er unterrichtete die 4., 5. und 6. Klasse, so gingen wir alle zu ihm in die Schule. Als ich in die 6. Klasse ging, war die Mutter viel krank. Der Vater schickte mich jeweils eine Stunde früher heim, damit ich zu Mittag kochte. Ich habe der Mutter das Essen gebracht und gemacht, was man so macht. Da sagte sie einmal: «Cili, du gäbst auch eine Krankenschwester». Für mich war dann klar, dass ich Krankenschwester werde. Wir spürten schon, dass Vater eine Respektsperson im Dorf war, so wie der Pfarrer. Damals musste der Lehrer ja noch mit gebügeltem Hemd und Krawatte unterrichten. Vater wollte auch, dass wir täglich seine Schuhe putzten. Wenn wir es nicht machten, gab es schon ein Donnerwetter. Und wenn wir im Dorf einen Blödsinn machten, dann hiess es: «s’Lehrers Chind söttet doch es guets Bispiel gäh!» Die Eltern haben uns aber normal aufwachsen lassen, wir hatten eine schöne Jugend; schaffen mussten wir wie andere Kinder auch. In den Frühlingsferien ging die Mutter mit uns Tannzapfen sammeln zum Heizen. In den Sommerferien mussten wir Ähren auflesen auf den Feldern, so hatten wir Mehl. Für die Herbstferien fragten Bauern die Mutter, ob sie ein Meitschi hätte für die Ernte. Davon hatten wir ja sieben! Für das Mithelfen gab es Naturalien. Die Eltern waren froh, mein Vater hatte keinen grossen Lohn. Auf keinen Fall hätte ich Lehrerin werden wollen wie Sr. Boriska. Sie ist ein ganz anderer Typ als ich; sie wollte schon mit in die Schule, als sie noch klein war. Ich habe viel lieber mit den Puppen gespielt. Wie drei meiner Schwestern habe auch ich die Krankenschwesternschule in Sursee besucht. Dann arbeitete ich im Spital in Olten. Als ich dem Chef sagte, ich gehe ins Kloster, sagte er nur: «O Schreck, o Graus!» Ich habe gelacht und gedacht, ich will das jetzt halt einfach. Das wusste ich schon als Kind. Ich habe es niemanden gesagt, auch Sr. Boriska nicht, die drei Jahre vor mir ins Kloster ging. Beeinflusst hat mich wahrscheinlich die religiöse Atmosphäre daheim, wir sind ja mit dem Kirchenjahr aufgewachsen, haben alle Feste mitgefeiert und sangen immer im Kirchenchor. Vater war schön stolz auf seine sieben Meitschi im Kirchenchor! Mutter sagte einmal, der Vater hätte es sowieso gerne gesehen, wenn alle ins Kloster gegangen wären. Aber wenn dann eine Schwester mit einem Mann heimgekommen ist, hatten sie auch wieder Freude. Im Kloster konnte ich die Ausbildung in Intensivpflege und Anästhesie machen. Dann folgten zwanzig schöne Jahre im Spital in Brig. Aber streng war es schon im Ops. Wenn wir nachts mit der Ambulanz einen Unfall abholen mussten, begann der Arbeitstag halt in der Nacht, ohne Pause folgte das vorgesehene Ops-Programm. Mit den Jahren hat das an der Gesundheit gezerrt. Irgendwann dachte ich, ich möchte noch eine andere Seite des Lebens sehen. So landete ich in Dulliken, da war es viel ruhiger, da hatte ich nicht immer nur schlafende Leute vor mir wie im Ops! Nach der Schliessung des Franziskushauses war auch für uns Baldegger Schwestern dort Schluss. Nach drei Monaten in der Küche der Schweizergarde ging es in der Hauswirtschaft in der Stella Matutina weiter und seit Jahren bin ich zurück in Baldegg. Eigentlich habe ich ein gutes Leben gehabt, ich habe versucht, alles so gut wie möglich zu machen. Das befriedigt mich. mrz Zwei Bilder – ein Leben

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