baldeggerjournal

Franziskanische Inputs Lieber Bruder Franziskus Nicht «geh», sondern «komm» und stelle die Kirche wieder her, die zu zerfallen droht! Die Aufforderung der Stimme von damals in Spoleto wird heute zu meiner Bitte. Schau dir unsere Kirche an! Wie damals, droht sie zu zerfallen und muss dringend neu erbaut werden. Du hast den Auftrag zuerst wörtlich genommen, die Kirche wiederherzustellen und hast verfallene Kapellen renoviert. Später wurde dir klar, dass es nicht um eine Renovation der Gebäude ging, sondern um die zerstörte Glaubwürdigkeit der Kirche. Ist es nicht auch heute so? Die Glaubwürdigkeit der Kirche fehlt und das Vertrauen zu ihr schwindet. Viele bemühen sich, das Richtige zu tun, aber haben wir erkannt, was es wirklich braucht, um die Glaubwürdigkeit der Kirche wiederherzustellen? Du hast dich damals mit einer grossen Geste von deinem bisherigen Leben verabschiedet, um zum Ursprung der Kirche zurückzufinden. Nach einer bewegten und schmerzhaften Zeit des äusseren und inneren Loslassens hast du dich auf Neues eingelassen. Du hast auf Macht und auf dein Erbe als reicher Kaufmannssohn verzichtet, um durch einen neuen Lebenswandel die Glaubwürdigkeit der Kirche wiederherstellen zu können. Heute ist eine Beschränkung und Kontrolle der Macht in unserer Kirche dringend nötig. Die Strukturen müssen überdacht werden. Das war auch dein Anliegen für die Situation der Kirche deiner Zeit. Ähnlich wie du vor mehr als 800 Jahren, müssen wir heute in einem schmerzhaften Prozess ganz auf den Grund gehen, zugrunde gehen, an den Beginn des Christentums, zur Krippe. Die Kirche begann vor über 2000 Jahren mit der Geburt eines Kindes, das in einem Stall geboren und in eine Futterkrippe gelegt wurde. Die Freude über die Geburt dieses Kindes war überschattet von grosser Armut verschiedenster Art, von Vertreibung und Verfolgung. Und doch: die Kirche hat bis heute überlebt. Es besteht also Hoffnung. Wo wären wir Christinnen und Christen heute ohne dieses Kind? Was würde der Gesellschaft fehlen, wenn es Weihnachten nicht gegeben hätte? Wir Menschen, nicht die Strukturen, sind die Kirche. Struktur ist ein Gefüge und vielleicht eine Möglichkeit, einzelne zu entlasten, weil festgelegt ist, wer wofür verantwortlich ist. Die Hauptsorge aber sind die Menschen, nicht das Überleben der Kirchenstrukturen. Schaffen wir es, loszulassen und uns auf Neues einzulassen, um so unsere Glaubwürdigkeit als Christen und Christinnen wiederherzustellen? Im Umgang mit der schwierigen und beschämenden Situation der Kirche stehen wir alle in der Verantwortung. Gelingt es uns, ehrlich, transparent und authentisch zu sein? Achten wir darauf, dass unser Reden und Handeln übereinstimmen? Nur so kann Glaubwürdigkeit gelingen. Dies ist ein lebenslanger, oft schmerzlicher Prozess. Für mich bedeutet loslassen auf Gott vertrauen. Dies ist mehr als ein Gefühl. Es ist meine Entscheidung, an das zu glauben, was Gott verheissen hat und uns sagen will durch die Geburt Jesu, des Kindes in der Krippe: «Ich bin da. Habt Vertrauen!» Der libanesische Künstler und Dichter Khalil Gibran hat es beeindruckend gesagt: «Jesus ist nicht in diese Welt gekommen, um die Menschen zu lehren, hoch aufragende Kirchen und gewaltige Tempel neben kleinen Hütten und engen Häusern zu errichten, sondern er kam, um die Herzen der Menschen zu Tempeln zu machen, ihre Seelen zu einem Altar und ihren Geist zum Priester.» Lieber Bruder Franziskus, nicht «geh», sondern «komm» und stelle die Kirche wieder her, die zu zerfallen droht! Pace e bene! Deine Sr. Nadja In Spoleto hörte Franziskus im Traum eine Stimme sagen: «Wem willst du dienen? Dem Herrn oder dem Knecht?» Als Franziskus selbstverständlich antwortete: «Dem Herrn!», erwiderte die Stimme: «Warum folgst du dann dem Ruf des Knechtes?» Franziskus fragte: «Was willst du, Herr, dass ich tun soll?» Die Stimme antwortete: «Franziskus, geh und stelle meine Kirche wieder her, die zu zerfallen droht!» (aus der Dreigefährtenlegende) 12

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