Ausgegrenzt mitten unter uns Sr. Madeleine Schildknecht, Vera Livaja Ich lernte Vera (1960) vor einem Jahr in einem Seniorenzentrum kennen. Sie ist ein Beispiel gelebter Solidarität mit älteren Menschen – genau das ist das Ziel unseres Vereins für gesellschaftliche Solidarität «Ein Herz für die Nächsten“. Gemeinsam mit den Franziskanern von Sarajevo haben wir diese Organisation während der Pandemie gegründet, um verletzlichen älteren Menschen beizustehen. Sie erzählt: „Seit vier Jahren bin ich im Ruhestand. Nach vierzig Arbeitsjahren war das für mich kein Rückzug, sondern ein Neubeginn. Während des Krieges war ich allein in Sarajevo zurückgeblieben. Meine Tochter floh mit meinen Eltern nach Kroatien, mein Bruder mit seiner Familie nach Amerika. Ich musste lernen, allein zu überleben. Dieses Gefühl, dass man alles selber machen muss, hat mich geprägt. Vielleicht spüre ich deshalb heute so stark den Wunsch, für andere da zu sein. Vor einem halben Jahr kamen Schwester Madeleine und das Team des Vereins in das Zentrum für gesundes Altern. Ihre Offenheit berührte mich. Wir wurden eingeladen, in unserer Umgebung aufmerksam zu sein – ob es ältere, einsame Menschen gibt, die Hilfe brauchen. So hörte ich von Marko, einem Nachbarn, der seit Jahren ohne Strom lebte, ohne Einkommen, ohne Hoffnung. Er ernährte sich von dem, was die Abfallcontainer hergaben. Gemeinsam mit der Sozialarbeiterin des Vereins suchte ich ihn auf. Er sass still vor seiner Wohnung, misstrauisch – doch er liess uns hinein. Was wir sahen, war erschütternd: Dunkelheit, Abfall, Gestank. Ein Mensch, vergessen von der Welt. Wir wandten uns an das Sozialamt, die Bürgermeisterin, die Gemeindeverwaltung, das Rote Kreuz, den Zivilschutz, humanitäre Organisationen – meist hiess es nur: «Nicht zuständig.»Diese Gleichgültigkeit und Missachtung trafen mich tief. Wie leicht es ist, wegzusehen, solange man selbst in die Gemeinschaft integriert ist. Doch wir gaben nicht auf. Gemeinsam mit Marko gingen wir von Behörde zu Behörde, sammelten Unterlagen, bis er endlich eine kleine Rente erhielt und in die staatliche Krankenversicherung aufgenommen wurde. Als er vor kurzem das erste Geld bekam, rasierte er sich – ein stilles Zeichen, dass er wieder an sich glaubt. Für die Wohnungsreinigung unterstützte uns das Rote Kreuz. Der Sekretär half persönlich mit, zusammen mit einer Gruppe Freiwilliger. Einen Tag lang trugen wir ganze Abfallberge hinaus. Dann mussten wir jedoch akzeptieren, dass dies eine professionelle Reinigungsfirma übernehmen muss. Nun sorge ich mich, ob wir den nötigen Betrag dafür aufbringen können. Heute ist Marko ein anderer Mensch. Er spricht mehr, lacht – er hat viel Humor – und erzählt seine Pläne. Wir helfen ihm, seine Stromschulden zu begleichen und Pflegehilfe zu beantragen. Der Weg durch die medizinische Bürokratie ist mühsam, doch mein Hausarzt unterstützt uns, damit es rasch vorangeht. Mir kommen schnell die Tränen, Tränen der Freude, wenn Marko wieder ein Schritt gelungen ist, Tränen der Trauer und der Wut, wenn sich Menschen verächtlich abwenden und nichts mit Marko zu tun haben wollen. Ich habe gelernt, wie schmal die Grenze ist zwischen einem Leben in Würde und dem Vegetieren in der Vergessenheit. Wenn wir nicht hinsehen und die Hand reichen, verlieren sich Menschen wie Marko in der Hoffnungslosigkeit und wir ein Stück unserer Menschlichkeit.“ 8
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