baldeggerjournal

7 Drinnen herrscht Friede – draussen ist die Welt unruhig Sr. Karin Zurbriggen Ein stilles Kunstwerk Aus einem Stück Olivenholz, schlicht und unbeachtet, ist ein kleines Kunstwerk entstanden. Die Muttergottes sitzt einfach da auf dem Boden. Auf ihrem Schoss liegt das Kind. Marias Arme umfassen es von beiden Seiten, ein Schutzraum aus Holz. Sie beugt sich nach vorn, ihr ganzer Körper spricht Fürsorge und Zuwendung. Das Kind selbst blickt wach und interessiert in die Welt hinaus, neugierig, offen, als wolle es schon jetzt alles aufnehmen. In dieser unscheinbaren Darstellung zeigt sich eine ganze Botschaft. Weihnachten geschieht im Kleinen, drinnen, verborgen und doch von grosser Kraft. Werk eines Unbekannten Die Figur stammt von einem christlichen palästinensischen Handwerker. Vielleicht sass er in einer kleinen Werkstatt in Bethlehem oder in einem Dorf der Westbank, umgeben von Holzspänen, mit Werkzeugen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Vielleicht lebte er mit einer Familie, vielleicht allein, vielleicht suchte er im Holz Arbeit und Trost zugleich. Wir wissen es nicht. Was bleibt, ist die Figur. Sie erzählt davon, wie tief die Sehnsucht nach Geborgenheit im Herzen eines Menschen wurzelt. Die Spannung von draussen und drinnen Wer heute im Nahen Osten lebt, kennt die Spannungen: eingeschränkte Wege, Kontrollpunkte, Arbeitslosigkeit, Hunger, Gewalt und Krieg. Viele Menschen sind in ihrem Alltag ständig auf Unsicherheit eingestellt. Draussen herrscht Lärm, draussen drückt die Enge. Drinnen, in einer Werkstatt, hat jemand in geduldiger Arbeit eine Figur geschaffen, die eine andere Wirklichkeit zeigt. Eine Frau hält ihr Kind. Ein Kind schaut mit klarem Blick der Zukunft entgegen. Auch die Weihnachtsgeschichte selbst erzählt von dieser Spannung. Draussen ist Bethlehem, das keinen Platz mehr hat. Draussen zeigt sich römische Macht, Herodes voller Angst. Drinnen ist ein Kind in Windeln, eine Mutter, die sich schützend beugt. Drinnen ist Wärme, Zuwendung, Nähe, und doch bleibt das Kind verletzlich. Gerade darin liegt der Kern von Weihnachten. Gott geht hinein in die Unsicherheit, nicht abseits, sondern mitten in sie hinein. Auftrag heute Wer die Olivenholzfigur betrachtet, spürt, dass sich Weihnachten nicht in einer heilen Welt ereignet. Es geschieht mitten in Brüchen, Konflikten, im Alltag. Und doch öffnet das Weihnachtsgeschehen Räume des Vertrauens. Wir sind eingeladen, solche «Drinnen-Orte» zu schaffen, Orte, an denen Menschen aufatmen, wo Vertrauen wächst, wo einer den anderen hält. Zugleich dürfen wir das «Draussen» nicht übersehen. Es gibt Unruhe, Spannungen und Not, im Nahen Osten ebenso wie in unserer Gesellschaft. Weihnachten erinnert uns daran, dass Gott beides kennt. Er ist bei denen, die draussen keinen Platz finden, und zugleich bei denen, die drinnen Schutz schenken. Das kleine Kunstwerk eines Palästinensers erinnert uns, dass Gott selbst in unsere Welt gekommen ist. Weihnachten ist kein fernes Fest der Gefühle, sondern ein Ruf zum Handeln. Drinnen wächst Nähe und Vertrauen. Draussen herrscht Unruhe und Unsicherheit. Beides gehört zusammen. Gott ist mitten in dieser Spannung. Er schenkt uns Kraft, Orte des Friedens und der Hoffnung zu schaffen.

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