baldeggerjournal

Psalmen 6 Draussen und Drinnen – Sehnsucht nach Heimat Draussen – unterwegs, bedroht, heimatlos «Wie liebenswert ist deine Wohnung, Herr der Heerscharen! Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn.» Ps 84,2-3a Psalm 84 ist ein Pilgerlied. Er beginnt draussen, weit weg vom Tempel. Der Betende ist unterwegs auf einem Pilgerweg. Das bedeutet Anstrengung und Unsicherheit, staubige Wege, weite Distanzen und keine Garantie, heil anzukommen. Wer draussen ist, lebt ungeschützt und das weckt im Betenden die Sehnsucht nach drinnen – nach dem Tempel Gottes, den er vielleicht aus der Ferne sieht. Das Draussen ist aber nicht nur ein geographischer Ort, fern vom Heiligtum. Es ist auch ein Gefühl existenzieller Ferne, das Leben in einer Welt, die immer brüchiger wird. So führen die Bilder des Psalms uns mitten in die Gegenwart. Millionen von Menschen sind draussen, auf der Flucht: Familien aus der Ukraine, aus Syrien, aus dem Sudan, Menschen im Gazastreifen, die alles verloren haben und unter Zerstörung und Vertreibung leiden. Für sie ist «draussen» nicht nur ein Bild, sondern Realität: kein Dach über dem Kopf, Hunger, keine sichere Grenze, keine Hoffnung auf Ankommen. Daraus erwacht die Sehnsucht nach Sicherheit, nach Heimat. Psalm 84 gibt dieser Sehnsucht eine Stimme. «Meine Seele verzehrt sich …» – nach einem Ort, wo Leben wieder möglich ist. Drinnen – Ankunft, Sicherheit, Heimat «Auch der Sperling findet ein Haus und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen.» Ps 84,4a Wenn schon die Vögel im Tempel ein Zuhause finden, dann sollten Menschen nicht ausgeschlossen sein. Drinnen – das ist nicht nur ein Raum aus Stein. Es ist auch kein Privileg für Fromme und Angepasste. Wenn schon Spatzen und Schwalben willkommen sind, dann erst recht jene Menschen, die draussen stehen. Das Bild kehrt die Hierarchien um. Nicht die Mächtigen oder Reichen haben ein Vorrecht auf Gottes Nähe, sondern Gott selbst schafft Raum für das Schwache, Kleine und Bedürftige. «Drinnen» ist ein Bild für Zugehörigkeit, Heimat und Würde. Es ist ein Ort, an dem Leben – jedes Leben – aufgehoben ist. Pilgerweg – Drinnen stärkt das Draussen «Denn ein einziger Tag in den Vorhöfen deines Heiligtums ist besser als tausend andere.» Ps 84,11 Schon im Ersten Testament ist klar, dass Gott sich nicht im Tempel einschliessen lässt. Gott wohnt nicht nur drinnen. Er ist mit den Pilgern unterwegs. Er ist bei den Vertriebenen draussen. Er ist bei denen, die sich ausgeschlossen fühlen, auch in unserer Gesellschaft. Schon das Stehen am Rand, «in den Vorhöfen», genügt, um seine Nähe zu erfahren. Der Satz ist ein Bekenntnis. Ein kurzer Moment bei Gott verändert alles. Denn man bleibt nicht einfach im Tempel. Das Leben pendelt zwischen draussen und drinnen. Am nächsten Tag macht man sich wieder auf den Heimweg. Drinnen ist ein Moment des Atemholens, kein Daueraufenthalt, der die Welt draussen vergisst. Der Beter muss weiterziehen, wieder hinaus in den Alltag, in die Unsicherheit und Ungeborgenheit. Aber wer diesen Augenblick drinnen, im Haus Gottes, erfahren hat, wird draussen anders leben, vertrauensvoller, barmherziger, solidarischer … Drinnen – das ist ein Stück Erfahrung von Gottes Reich Draussen – das ist die Welt, die Gottes Reich nötig hat. Drinnen und Draussen gehören zusammen. Und Gott ist in beiden gegenwärtig. Er ruft uns, das Geschenk des Drinnen zu teilen – mit denen, die draussen sind. Die Spannung zwischen drinnen und draussen bleibt bestehen. Aber Psalm 84 verspricht, wer sich nach Gott ausstreckt, findet Heimat – nicht als Besitz, sondern als Geschenk. Sr. Renata Geiger

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