Franziskanische Inputs Lieber Bruder Franziskus «Herz und Mund und Tat und Leben» sind zwei Kantaten, die Johann Sebastian Bach ca. 490 Jahre nach deinem Tod komponiert hat. Ob Bach sich von deiner Aussage hat inspirieren lassen? Wohl kaum, aber die Kantaten erinnern mich an deine Aussage. Bach hat sie ursprünglich für den 4. Advent geschrieben und erweiterte sie für das Fest Mariä Heimsuchung. Es ging ihm dabei weniger um Worte, sondern vielmehr um das, was er im Herzen empfand und was sich in der Tat, bzw. in seiner Musik ausdrücken sollte. Hattest du mit deiner Aussage nicht die gleiche Absicht: aus dem Herzen soll kommen und darin verinnerlicht sein, was in Worten zu verkünden ist, bevor es nach «draussen» gelangt? So muss auch der Friede im Herzen entstehen und kann nicht nur von äusseren Umständen abhängig sein. Friede ist eine Herzensangelegenheit und beginnt in mir selbst. Das ist keine neue Erkenntnis, aber eine Tatsache, über die es sich immer wieder nachzudenken lohnt. Deshalb sind deine und Bachs Worte von Bedeutung: Herz und Tat oder Herz und Wort müssen übereinstimmen, um glaubhaft zu sein. Diese Konsequenz war deine Lebenshaltung. Das, was du «draussen» in der physischen Umgebung lebtest, erwogst du zuerst «drinnen» in deinem Herzen. Deine Stärke war es, sozusagen «drinnen» und «draussen» deines Lebens zu verbinden und ganzheitlich zum Ausdruck zu bringen. Auf diese Weise hast du dein Leben mit Gott und entsprechend im Umgang mit der Schöpfung gelebt. Allerdings war dies auch für dich nicht einfach. Du warst mit Vielem nicht einverstanden, was zu deiner Zeit gesellschaftsüblich war oder politisch galt. Denken wir nur an deine Vorstellung von Kirche. Sie entsprach absolut nicht der damaligen kirchlichen Institution. Dies hast du laut kundgetan, aber anstatt im Unfrieden mit dieser Institution zu leben, hast du deiner inneren Überzeugung gemäss gelebt im Geist der Liebe, konsequent, einfach und arm. Deine innere Erfahrung von Frieden hat sich in deinem Bewusstsein festgesetzt und dein Handeln entsprechend geprägt. Etwas, das heute nötiger ist denn je. Darin kannst du uns Vorbild sein. Lieber Bruder Franziskus, bald feiern wir das Weihnachtsfest. Es lenkt den Blick auf die Geburt Jesu, der Licht und Frieden in die Herzen der Menschen bringen will. Weihnachten lenkt den Blick aber auch auf die Not und Unzulänglichkeiten in den Herzen der Menschen, in der Welt und in der heutigen Kirche. Wie zur Zeit der Geburt Jesu und zu deiner Zeit herrschen heute vielerorts leidvolle Zustände, Ungerechtigkeiten oder gar Krieg. Blicken wir auf die Institution Kirche. Während sie sich zu deiner Zeit mit Prunk und Reichtum positionierte, leidet sie heute unter grossem Vertrauensverlust durch Missbrauchsskandale und vielem mehr. Ohnmächtig stehen wir dieser Tatsache gegenüber. Auch heute braucht es Reformen und Menschen, die sich einsetzen für Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung und Frieden. Dein Beispiel zeigt uns, dass wir unsere Ohnmacht wenigstens dort, wo wir leben, überwinden können. Wir können es dir gleichtun, indem wir versuchen, von Herzen Licht und Frieden wenigstens in unserer Umgebung, in unserer kleinen Welt, zu ermöglichen. So setzen wir einen Gegenpol zu Gewalt und Ungerechtigkeiten. Dann erfüllt sich dein Wunsch, dass Friede nicht bloss ein leeres Wort ist. Bruder Franziskus, du Bote des Friedens, dies erbitte ich von dir und wünsche es uns allen von Herzen. Vielleicht könnte deine Aussage dann auch mit dem Titel von Bachs Kantaten überschrieben werden: „Herz und Mund und Tat und Leben“. Was meinst du dazu? Pace e bene! Deine Sr. Nadja «Möge der Friede, den sie mit ihren Worten verkünden, zuerst in ihrem Herzen stehen.» Hl. Franziskus. 16
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=