15 Der offene Stall zu Bethlehem Weihnachten ist das Fest der Nähe Gottes. Diese Nähe beginnt nicht drinnen in einem warmen Wohnzimmer, sondern draussen in einem Stall, unter halboffenem Himmel, in der Kälte und Finsternis der Nacht. Man könnte auch sagen: Die Weihnachtsgeschichte erzählt von einem Draussen, das zum Drinnen wird. Sie schildert die göttliche Bewegung vom Fernen, das uns Nähe wird, vom Licht, das im Dunkel den Weg weist. Gott wird Mensch an einem Ort, der zur Welt hin geöffnet ist. «So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag.» (Lk 2,16) Hirten werden die ersten Zeugen dieses göttlichen Wunders. Das ist erstaunlich, sind sie doch gesellschaftliche und religiöse Randexistenzen, geprägt durch einen kargen Lebens- und Überlebensalltag. Sie leben fernab vom Jerusalemer Tempel, dem religiösen Zentrum ihrer Zeit. Und doch: Der Stall mit dem Jesuskind ist offen für sie, denn die Krippe ist kein exklusiver Ort, sondern ein Wahrzeichen der radikalen Gastfreundschaft Gottes. Wer steht heute draussen, zweitausend Jahre später? Wer fühlt sich von der Hoffnung und dem Glauben an Jesus ausgeschlossen – räumlich, sozial, geistlich? Weihnachten ist ja nicht nur ein Fest für die, die bereits «drinnen» sind. Mit der Weihnachtsgeschichte ist ein Ruf verbunden, Türen für unsere Mitmenschen zu öffnen, Fremde und Fremdes willkommen zu heissen. Wie die Hirten machen sich auch die Weisen aus dem Morgenland auf und kommen zur Krippe. Sie sind fremd und fern und kommen nah, zu Gott, der in Jesus endgültig nahbar wird. Sie suchen, fragen, schreiten voran und finden. Ihre Reise steht für den Glaubensweg vieler Menschen heute: Aussen und Innen treffen sich. Es ist ein sachtes Sich-Herantasten an das Geheimnis Gottes, das sich nicht aufzwingt, sondern einlädt. Jesus selbst ist ganz «drinnen», Teil von Israel, Sohn Davids, Messias, Retter, in der Geschichte und im Volk verankert. Gleichwohl geht er hinaus zu den Rändern, zu denen, die «draussen vor der Tür» stehen. Seine Bewegung ist eine Bewegung der Sendung, nicht der Abgrenzung. Folgt unsere synodale Kirche dieser Bewegung? Die Wärme unseres Glaubens will hinausstrahlen – über das eigene Zuhause und die kirchlichen Mauern hinaus, hinein in alle Welt. In sozialen Projekten, einladenden Gottesdiensten, in kleinen und grossen Gesten der Solidarität wird das Licht des Evangeliums weitergetragen. Dort, wo Menschen einander begegnen, wo Türen geöffnet und Herzen weit werden, beginnt das Wort Gottes zu leuchten. Damals wusste niemand, was geschehen würde. Heute kennen wir die Erzählung. Wagen wir es, sie neu zu betrachten? Vielleicht mit den Augen der Hirten und Weisen? Weihnachten ist als kollektive Erinnerung gleichzeitig Aneignung und wird so Gegenwart und Auftrag. Weihnachten ist das Fest der offenen (Stall-) Türen. Es ruft uns heraus aus dem Eigenen, hin zum Gemeinsamen. Die Krippe steht nicht hinter verschlossenen Türen. Sie steht mitten im Leben, bleibt halboffen – draussen in der Welt und drinnen im schützenden Stall unseres Herzens. Frohe Weihnachten! + Felix Gmür Meister der Münchner Marientafeln (tätig um 1450): Geburt Christi, um 1445/1450, Tempera auf Nadelholz, 107 x 80,5 cm, Kunsthaus Zürich, 1936; Bild zur Verfügung gestellt.
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