baldeggerjournal

Von aussen betrachtet, nach innen gedeutet Wer kennt sie nicht, die Erfahrung des Draussen-Seins. In der Dunkelheit, im Misserfolg, im Alleinsein, im Nicht-Verstandenwerden, auf der Flucht. Doch in der Weihnachtszeit nimmt uns J. S. Bach mit auf einen Weg von draussen nach drinnen. Das Spannungsfeld von draussen und drinnen gehört zur Weihnachtsgeschichte selbst. Draussen sind die Hirten auf dem Feld, draussen bleibt die überfüllte Herberge – drinnen aber liegt das Kind in der Krippe, drinnen geschieht das Geheimnis Gottes. J. S. Bach nimmt diesen Gedanken in seiner Vertonung des Textes von P. Gerhardt «Ich steh an deiner Krippen hier» auf. Es ist eine Bewegung von aussen nach innen, von der Kälte ins Warme, von der Fremdheit zum Vertrauen. Diesen Gedanken drückt die Bassstimme aus. Sie ist mehr als nur harmonische Stütze. Die ruhige, schrittweise Bewegung des Generalbasses wirkt wie ein Schreiten auf einem Weg: Jeder Ton ist ein gemessener Schritt, der zur Krippe, nach innen, führt. Die Liedmelodie ist schlicht, fast volksliedhaft. Sie ist ein Beispiel dafür, wie Bach mit sparsamen Mitteln aus Text und Musik eine Einheit gestaltet. Diese Schlichtheit unterstreicht die Haltung des Betenden, ein demütiges Vor-dem-Kind-Stehen. Der Dur-Abschluss deutet den Text hoffnungsvoll aus. Obwohl das Lied in dunklerem c-Moll steht, weist Bach mit dem Dur-Schluss auf Freude und Erlösung hin – eine musikalische Umsetzung der Weihnachtsbotschaft. Musik wird hier zu einem Raum, der einlädt, nicht draussen zu bleiben, sondern einzutreten, aus dem Dunkel ins Licht. Denn die Weihnachtsgeschichte beginnt draussen: in einem Stall, am Rande von Bethlehem. Das Kind kommt nicht in einem Palast, sondern in ärmlicher Umgebung zur Welt. Dieses äussere Bild ist uns vertraut. Wir sehen es in Krippendarstellungen und hören es in WeihSr. Renata Geiger nachtsliedern. Auch der Choral greift es auf: «Ich steh an deiner Krippen hier.» Doch es genügt nicht, nur bei dieser äusseren Szene zu verweilen. Das zeigt uns das folgende Zeugnis. D.Bonhoeffer schreibt aus dem Gefängnis: «Ausserdem habe ich zum ersten Mal in diesen Tagen das Lied ‹Ich steh an deiner Krippen hier› für mich entdeckt. Man muss wohl lange allein sein, um es aufnehmen zu können. … Es gibt eben neben dem Wir doch auch ein Ich und Christus, und was das bedeutet, kann gar nicht besser gesagt werden als in diesem Lied.» P. Gerhardt deutet die Szene von Anfang an innerlich. Er öffnet das Herz, um Raum zu schaffen für das Kind. Er spricht von einer inneren Beziehung, von einem Vertrauen, das nicht im Stall endet, sondern das ganze Leben prägt. Gerhardt und Bach stellen uns damit in ein Spannungsfeld: Aussen: die Krippe, der Stall, die sichtbaren Bilder. Innen: das Herz, der Glaube, die unsichtbare Begegnung. Die Gefahr liegt darin, nur beim Äusseren stehenzubleiben – beim Schauen, beim Hören der schönen Musik oder vielleicht auch beim kulturellen Brauch. Weihnachten wird dann zu einem Ritual, das aber nicht ins Leben hineinwirkt. Unsere Aufgabe besteht darin, das Geschehen ins Innere zu übertragen. Die Krippe ist nicht nur ein Ort «dort», sondern ein Bild für das, was in uns geschieht. Weihnachten meint, Gott sucht nicht nur einen Platz in der Weltgeschichte draussen, sondern auch und vor allem drinnen, in deinem und meinem Herzen. Cantate domino 14

RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=