Bedeutung der Klöster und Kongregationen ist zu wenig bekannt, ihre soziale Wirkungsgeschichte in Afrika ist noch nicht geschrieben. Man müsste in Tansania beginnen. Über dem Baldegger Kloster und seinen Nachfolgeklöstern in Tansania weht selbstredend der franziskanische Geist. Franz von Assisi und Klara opponierten gegen die Vorstellung sich einschliessender, abschottender Mönche und Nonnen. «Unser Kloster ist die Welt» spiegelt das franziskanische Verständnis der Absage an spirituelle Weltflucht. Als kirchengeschichtlich unbedarfter Laie grenzt es für mich, nebenbei gesagt, buchstäblich an das grösste Wunder des später heiliggesprochenen Franziskus, dass er seine radikale Haltung gegen die frühkapitalistische Wirtschaftsordnung überlebt hat. Sein Bekenntnis zu - und seine Forderung nach – einem Leben in absoluter Armut hätte als Angriff auf den im frühen 13. Jahrhundert zur Schau gestellten Reichtum und den Machtanspruch der Kirche interpretiert werden können. Vielleicht wurden Debatten darüber geführt, ob er als Häretiker verbrannt werden sollte. Er wurde ein Heiliger und der entscheidende Aspekt scheint der, dass er seinen Lebensentwurf nicht in erster Linie theoretisierte, sondern vorlebte. In seinen Ansprüchen gegenüber seinem eigenen Leben und Wirken scheint er kompromisslos gewesen zu sein. In seinem Umgang mit der kirchlichen und gesellschaftlichen Macht aber pragmatisch und undogmatisch. Zurück zu Dürrenmatt: Viele bürgerlichen Politiker waren nach seiner Rede verstimmt und weigerten sich, ihm die Hand zu schütteln. Was die Verdrossenheit dann allerdings rasch zum Erliegen brachte, war sein Tod drei Wochen später. Eine Interpretation seiner Metapher der Schweiz als Gefängnis bestand später darin, dass ihm einfach die Selbstgerechtigkeit der vermeintlich freien Schweizer, Gastgeber des verfolgten Schriftstellers und Dissidenten Havel, auf die Nerven ging. Denn hätte er selber seine Metapher ernst genommen, dann wäre die Frage gewesen: weshalb lebte er sein ganzes Leben in der Schweiz, wenn sie für ihn doch ein Gefängnis war? War Dürrenmatt der Dichter und Denker, der nicht imstande war zu leben, was er predigte? Man müsste es ihm nachsehen, denn die absolute Kohärenz zwischen Ideen und Taten ist nur für Wenige erreichbar. Auch wenn man sich Mühe gibt: es bräuchte wohl die Grösse einer Klara und eines Franziskus dazu. Umso nachhaltiger ist unser Respekt vor den franziskanischen Frauenklöstern in Tansania, die es noch heute wagen, dem Vorbild von Franz und Klara nachzuleben. Sie haben zwar drinnen die Geborgenheit ihrer Klöster mit den wunderbaren sub-tropischen Klostergärten. Aber ihr Einsatz ist draussen, in einer Welt der grossen gesellschaftlichen Herausforderungen und Möglichkeiten. Vielleicht neige ich dazu, unsere tansanischen Partnerklöster zu romantisieren. Aber ein bisschen weniger «Schweiz als Gefängnis» und mehr «Schweiz als Kloster» fände ich erstrebenswert. David Keller ist Geschäftsführer der Arthur Waser Stiftung in Luzern. In der Rubrik «Keller’s Reisen» reflektiert er Erfahrungen aus seiner überwiegend beruflich bedingten Reisetätigkeit. Dieses Mal über das «Drinnen und Draussen» der Baldegger Schwestern in Tanzania. 13
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=