baldeggerjournal

Die Schweiz als Kloster Am 22. November 1990 stattete Vaclav Havel, Präsident der damaligen «Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik», der Schweiz einen Staatsbesuch ab. Friedrich Dürrenmatt begrüsste den ehemaligen Dissidenten und Gefangenen der 1989 aufgelösten «Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik» anlässlich der Verleihung des Duttweiler Preises. In seiner letzten grossen Rede bezeichnete er die Schweiz als Gefängnis. Er sah die Bewohner dieses Gefängnisses nicht nur als Gefangene, sondern gleichzeitig als Gefängniswärter. Nach Dürrenmatt verteidigten die angeblich freien Schweizer ihr Gefängnis gegen äussere Einflüsse unter anderem mit einer weltfremden Neutralität, einer selbstgewählten Isolation in einem vereinigten Europa, einer unsolidarischen Migrationspolitik und einer unzeitgemässen, allgemeinen Wehrpflicht. Dürrenmatt hat für Verwirrung gesorgt. Was heisst draussen, was heisst drinnen? Ist drinnen Geborgenheit oder Gefangenschaft? Ist draussen Fremdheit oder Freiheit? Wer sind «wir», die wir uns im Gefängnis eingerichtet haben? Wer sind die «Anderen», von denen wir uns abschotten? Gegen Dürrenmatts «Schweiz als Gefängnis» möchte ich hier ein «afrikanisches Nonnenkloster» als Gegenmodell beliebt machen. Ein gutes Dutzend davon habe ich in meinen Reisen nach Tansania besucht. Als Partnerorganisationen der Arthur Waser Stiftung betrachten wir die Klöster als Akteurinnen von Entwicklung und sozialer Transformation. «Drinnen» schöpfen die Schwestern Kraft aus der Geborgenheit im Glauben und in der klösterlichen Gemeinschaft. Auf das «Draussen» aber sind ihre Werke und ihr ganzes Schaffen ausgerichtet. Ihr Vorhaben ist die soziale Entwicklung in Tansania. Ihre Zielgruppen sind die sozial Benachteiligten, die Kinder und Jugendlichen, die Kranken und Schwachen. Ihr Engagement zielt auf den Gesundheitssektor, den Bildungssektor und viele weitere Bereiche eines defizitären Service Public. Sie schliessen sich nicht ein, sie kapseln sich nicht ab. Ein paar Zahlen: Die rund 18'000 katholischen Schwestern in Tansania, stark wachsend, organisiert in 116 Kongregationen, betreiben nach eigener Statistik u.a. über 225 Schulen im Land, gegen 100 Spitäler und Gesundheitszentren und zahllose Krankenstationen. Die Schwestern stehen mit weitem Abstand auf Rang eins aller afrikanischer Länder, was die Gesamtzahl an Schwestern und Schwesterkongregationen betrifft. Eine ganz besondere Stellung nehmen die Baldegger Schwestern ein. Sie gründeten1972 das erste Montessori Ausbildungszentrum in Tansania und bauten die Montessori Lehrerschaft auf, die jährlich Zuwachs durch die Tätigkeit von mittlerweile sechs tansanischen Trainingszentren erhält. Vier von diesen Trainingszentren sind von afrikanischen Schwesternkongregationen geführt, eines von der «letzten» Baldegger Schwester in Tansania, Sr. Denise Mattle. Wir zählen gegen 6500 Lehrpersonen, die heute in mindestens 3000 Kindertagesstätten rund 220'000 Kinder im Land unterrichten. Die Montessori Pädagogik nimmt somit eine überragende Stellung im Bereich der frühkindlichen Bildung ein. In keinem anderen afrikanischen Land gibt es auch nur annähernd vergleichbare Zahlen und auch weltweit steht Tansania inzwischen auf Rang sechs, was die Zahl der Montessori Bildungseinrichtungen betrifft. Nach jahrelanger Zusammenarbeit mit den zwei Nachfolgekongregationen der Baldegger Schwestern, den «Kleinen Schwestern des heiligen Franz» in Dar es Salam und den «Franziscan Sisters of Charity in Mahenge» und vielen weiteren, seit 1921 von den Baldegger Schwestern inspirierten franziskanischen, benediktinischen und sogar protestantischen Schwesternkongregationen massen wir uns an, beurteilen zu können: Das Werk der Baldegger Schwestern hat Früchte getragen und sie haben die soziale und gesellschaftliche Entwicklung Tansanias massgeblich geprägt. Nebst der Montessori Bewegung haben sie mit dem Bau von Schulen, Gesundheitszentren und Spitälern, unter anderem dem berühmten Spital in Ifakara, Strukturen aufgebaut, die nach wie vor zu den führenden des Landes gehören. Das Spital in Ifakara wurde später zum Joint Venture mit dem schweizerischen Tropeninstitut, das dort jahrelang seine weltweit bekannte Forschung zu tropischen Krankheiten betrieb, stark finanziert von der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit. Tansania wurde auch deshalb zum Vorbild für das friedliche Zusammenleben von Christ*innen und Muslim*innen, weil der Einsatz der Baldegger Schwestern in ihren Werken frei von Diskriminierung anderer Religionen war. Und nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Tansania achteten sie in ihrer langen Wirkungsgeschichte sehr darauf, Mädchen und Frauen gleichberechtigt zu fördern, ohne Knaben und Männer auszuschliessen. Wenn auch die kritische Auseinandersetzung mit der Rolle vieler europäischer Klöster bei der Christianisierung Afrikas, ihrer «Missio», legitim ist: Sie verkennt die soziale und gesellschaftliche Wirkung der Klöster, ihre «Caritas». Mit anderen Worten: die entwicklungspolitische Keller’s Reisen 12 David Keller

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