baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit Priorin Sr. Irene Gassmann, Kloster Fahr 12 SH Das Thema dieses Journals löste bei mir Widerstand aus. «Was soll’s», fragte ich mich. Das Auf und Ab gehört doch zum Leben wie das Ein- und Ausatmen! Eines Tages fiel mir ein, wie mich das Wort «Abstieg» erstmals getroffen hat. Ich unterrichtete vier Jahre in meiner Heimatgemeinde. Dann entschied ich mich fürs Kloster. Aber wie sollte ich das jenen sagen, die um mich gerungen hatten, denn damals herrschte Lehrpersonenmangel? Auf einmal nachts kam mir die erlösende Idee. Ich schrieb meine Kündigung an den Kanton und die Gemeinde, informierte die Eltern und brachte die Briefe zur Post. In der Pause informierte ich meine Kollegen, die das Ganze für einen schlechten Witz hielten. Dann überliess ich die Klasse meiner Praktikantin, tauchte unter und zeigte mich erst nach drei Tagen wieder im Dorf. Da begegnete ich Frau Bisang. Sie erzählte mir, dass der Vater einer meiner Schülerinnen bei ihr im Laden gepoltert habe: «Unbegreiflich, unsere Lehrerin geht ins Kloster! Das ist doch ein riesiger Abstieg! Sie verdient dort sicher weniger, zudem erhält sie keine Ortszulage. Und so geschätzt wie hier in der Gemeinde wird sie kaum. Die kommt noch auf die Welt!» Dieser Mann lag mit seiner Ansicht nicht ganz falsch. Am Wort «Abstieg» haftet etwas Negatives. Du und ich sind in Zeiten anhaltenden Aufstiegs zu unseren Gemeinschaften gestossen. Immer neue Aufgaben, Aufbrüche und Umbrüche forderten und förderten uns. Unsere Schulen waren gefragt und unsere Absolventinnen begehrt. Immer wieder stiessen junge Frauen zur Gemeinschaft. Alles in allem: der «Abstieg», den jener Bauersmann im Laden damals voraussagte, hat sich für uns mehr als gelohnt. Zwar Lohn im üblichen Sinn erhalten wir beide nicht. Aber vielfältige Belohnungen anderer Art durften und dürfen wir immer wieder erfahren, nicht wahr? SI Ja, meine Erfahrungen sind ähnlich. Nach meinem Entscheid, ins Kloster zu gehen, hiess es in meinem Umfeld, dass es unverständlich sei, dass ich mein Leben hinter Klostermauern «vergrabe». Es ging dabei nicht in erster Linie um Lohn, sondern um die Möglichkeit, mich in die Gesellschaft einzubringen. Als ich dann als junge Schwester in Baldegg das Hauswirtschaftslehrerinnenseminar besuchen konnte, um anschliessend an unserer Bäuerinnenschule zu wirken, öffneten sich für mich neue Türen. Die Bedenken in meinem Umfeld schwanden. Während zehn Jahren durfte ich da vieles entwickeln und ein reiches Beziehungsnetz aufbauen. Dass ausgerechnet ich es war, die später den Anstoss gab, die Bäuerinnenschule im Fahr zu schliessen, bezeichne ich nicht als Abstieg. Im Gegenteil, in einem Austausch mit Verantwortlichen in Unternehmen sagte mir einer der Gesprächsteilnehmer, wenn er mir zuhöre, so komme ihm das Bild eines Ballons in den Sinn. Wenn dieser an Höhe verliere, so müsse man Sandsäcke leeren, um leichter zu werden. Deshalb würde er mir raten, die Bäuerinnenschule loszulassen. Im ersten Moment war ich schockiert. Erst zwei, drei Tage später spürte ich, dass der Mann recht hatte. Die Schule band damals viele Ressourcen, so konnte es nicht weitergehen. Dieser Entscheid ermöglichte eine Weiterentwicklung im Fahr. Einerseits konnten wir unseren Gästebereich ausbauen und andererseits eine Gesamtstrategie für die Annexbetriebe und Gebäude einleiten. In der ehemaligen Bäuerinnenschule entstehen Wohnungen für ein christliches Mehrgenerationen-Wohnen. Kürzlich sagte mir jemand bei einer Klosterführung: «Mit der Kirche und den Klöstern geht es nur noch abwärts!» Meine spontane Reaktion war: «Nein, himmelwärts!» Du bist ja Schwester der «Göttlichen Vorsehung»! SH Ja, die Zukunft unserer Klöster ist ungewiss. Wir müssen uns selbst überschreiten, um Zukunft zu gewinnen. In dieser Offenheit schaffen sich die Stimmen der Zeit Gehör, vorausgesetzt, wir leben und gestalten sie dialogisch, im Suchen und Sprechen miteinander, im Hören aufeinander, im Vertrauen zueinander. Dabei stossen wir an Grenzen. Denn in dieser Offenheit gärt eine Unsicherheit, wie ich sie in meinem langen Klosterleben nicht erlebt habe. Mit Recht sprichst du mich als Schwester der Göttlichen Vorsehung an. Göttliche Vorsehung verstehe ich aber nicht als: «ER wird es schon machen». Nein, ER führt zwar Regie, will aber unser herzhaftes Mitwirken. Ob wir uns fordern lassen, entscheiden wir. Die schockierende Aussage: «Mit der Kirche und den Klöstern geht es nur noch abwärts», lässt sich vordergründig nicht leugnen. Die Krise ist offensichtlich. Ich verstehe sie als reif gewordene Zeit (Kairos), reif für radikale Entscheidungen. Das «abwärts» weist den Weg zu den Wurzeln und von da zu neuem «Aufstieg». Die Gründung unserer Klostergemeinschaft wurzelt in damals fehlenden Bedingungen für menschenwürdiges Leben von Minderheiten: Bildung für GmbH: Gemeinschaft mit begründeter Hoffnung

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