baldeggerjournal

9 den Teilnehmerinnen und Teilnehmern freigestellt ist, sich daran zu halten. Es überrascht mich immer wieder, in Einzelgesprächen feststellen zu können, dass die Impulse und die gestellten Fragen für die persönliche Vertiefung nützlich waren. Viel Zeit wird den Teilnehmenden jeweils überlassen, damit sie diese frei gestalten können und sollen. Dabei ist sehr wichtig, dass sie diese ihnen geschenkte Zeit anders verbringen als in ihrem Alltag. Ist dieser von der Beschleunigung der Zeit bestimmt, so dass der Eindruck entsteht, niemals genügend Zeit zur Verfügung zu haben, so soll während den Exerzitien bewusst ein gemächlicher Rhythmus eingeschlagen werden. Es geht darum, um es mit dem Philosophen Byung-Chul Han zu sagen, «den Duft der Zeit zu vernehmen» und sich in der Kunst des Verweilens zu üben. Das fällt vor allem am Anfang der Exerzitienwoche nicht allen leicht. Diese Zeit soll aber unbedingt anders ausfallen als in den restlichen Wochen, abgesehen vielleicht von der Ferienzeit. Zu den größten Herausforderungen gehört heutzutage auch das Ausschalten des Smartphones und des Computers während der gesamten Woche. Die Arbeit soll liegengelassen werden. Hinzu kommt die Stille, die bewusst gepflegt werden soll. Im Kloster Baldegg schätze ich es sehr, dass während einer Exerzitienwoche die gesamte Gemeinschaft, also auch die Schwestern, die nicht daran teilnehmen, die jeweiligen Mahlzeiten stillschweigend einnehmen. Es ist ein Zeichen der Solidarität mit den Mitschwestern, und es unterstützt diese auf ihrem Weg. Zudem tut es auch gut, von Zeit zu Zeit die Speisen in Stille zu sich zu nehmen, um sie bewusster zu kosten und zu schätzen. Zu meinen Exerzitien gehören auch die tägliche Eucharistiefeier und das gemeinsame Beten des Stundengebetes. Im Zentrum unseres christlichen Glaubens steht die Person Jesu Christi, sein Weg bis hin zum Tod am Kreuz und das Wunder seiner Auferstehung. Es gilt dabei, inne zu werden, wie das Geheimnis seiner Selbsthingabe uns im Hören auf sein Wort und im Teilen der eucharistischen Gaben heute noch erreicht und uns neue Kraft schenken will. Auch Lob und Dank sollen während der Woche gebührend gefeiert werden. Es geht darum, alltägliche religiöse Vollzüge näher anzuschauen und zu vollziehen. Den Teilnehmenden ist es zudem freigestellt, ob sie bei mir zu einem persönlichen Gespräch kommen wollen. Vielfach handelt es sich um ein Beichtgespräch, wobei daraus häufig ein interessanter und langer Austausch wird. Ich staune immer wieder, wie sich Menschen mir gegenüber öffnen und mir aus ihrer Lebensgeschichte erzählen. In solchen Momenten kann ich nur versuchen, dem mit großer Ehrfurcht zu begegnen. Bei älteren Menschen kann es auch vorkommen, dass ich sie herausfordere, sich vom inneren Zwang, sich zu bessern und dies und jenes noch mehr als bisher zu leisten, zu befreien. Es ist ein Geschenk, festzustellen, wie sich ein Gesicht während des Gesprächs manchmal entspannt und die Person den Raum gelassener verlässt. In solchen Augenblicken habe ich eindeutig den Eindruck, ich sei reichlich beschenkt worden und ich dafür zu danken habe. Am schönsten ist es, wenn eine Person mehrfach bei mir die Exerzitien besucht und wir das Gespräch dort wieder aufnehmen können, wo wir es vor einem oder mehreren Jahren aufgehört haben. Mein Lebensmotto lautet: «Du bist, was du gibst!» Dabei stelle ich gerade während Exerzitienwochen fest, dass ich viel mehr erhalte als ich jeweils gebe. Verblüffend ist auch festzustellen, dass noch ein Anderer am Werk ist, nämlich Gottes Geist, der die Menschen inspiriert und leitet.

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