8 Beschleunigung unterbrechen Über spirituelle Exerzitien Br. Mauro Jöhri, Kapuziner, Locarno «Exerzitien» sind buchstäblich «Übungen». Während einer Woche im Jahr zieht man sich in Schweigen und Stille zurück. Es handelt sich um spirituelle Übungen mit der Absicht, im geistlichen Leben voranzuschreiten. Erfunden und eingeführt hat diese der Gründer der Jesuiten, der heilige Ignatius von Loyola. Spontan könnte man meinen: Nichts für Franziskaner und Franziskanerinnen! Doch mit der Zeit haben auch wir, Söhne und Töchter des heiligen Franziskus von Assisi, den Wert dieser spirituellen Praxis eingesehen und uns mit ihr angefreundet. Wir haben uns aber erlaubt, verschiedene Änderungen vorzunehmen, so dass sie den strengen Charakter einer systematischen Übung zum Teil verloren haben. Der heilige Franziskus und seine Brüder kannten die Praxis des Abwechselns zwischen aktivem und kontemplativem Leben. Franziskus zog sich öfters in Einsiedeleien zurück und verbrachte dort längere Zeiten im stillen Gebet. Seine Brüder lud er ein, dasselbe zu tun. Er verfasste sogar eine kurze Regel, die das Leben an diesen einsamen Orten ordnete. Die Brüder sollten sich dabei in zwei unterschiedlichen Rollen abwechseln: Zwei von ihnen konnten sich in einem abgeschiedenen Raum dem kontemplativen Gebet widmen, während die anderen beiden sich um die materiellen Bedürfnisse kümmerten. Nach einiger Zeit wechselten sie ihre Rollen. Nichts wurde dagegen vorgesehen, wie die Zeit der Stille zu gestalten war. Dies wurde der Eingebung des einzelnen Bruders überlassen. Ganz im Sinne dessen, was Franziskus seinem Bruder Leo in einem kurzen Schreiben mitgeteilt hat: «Auf welche Weise auch immer es dir besser erscheint, Gott, dem Herrn, zu gefallen und seinen Fußspuren und seiner Armut zu folgen, so tut es mit dem Segen Gottes, des Herrn, und mit dem Gehorsam gegen mich. Und wenn es dir um deiner Seele oder deines sonstigen Trostes willen notwendig ist und du zu mir zurückkommen willst, so komm.» Da bleibt für die Einzelperson viel Raum, um diese Zeit persönlich, nach der jeweiligen Eingebung des Geistes, zu gestalten. Insofern ist es verständlich, dass hier kaum von geistlicher «Übung» die Sprache sein kann. Da herrscht franziskanische Spontaneität. Als Exerzitienleiter leite ich jährlich in verschiedenen Klöstern in der Schweiz und Europa geistliche Übungen an. Ich orientiere mich dabei an beiden Traditionen, sowohl an der franziskanischen als auch ein wenig an der ignatianischen. Während einer Woche halte ich jeweils ein bis zwei Impulse pro Tag. Dabei versuche ich ein Thema aufzugreifen und dieses Tag für Tag weiter zu entfalten. Die größte Anstrengung liegt für mich jeweils in der Zeit vor den Exerzitien, wenn es darum geht, ein Thema zu finden, das mir passt und wo ich den Eindruck habe, dass sich daraus etwas machen lässt. Das ist die Zeit der Inspiration, und die kann auch ziemlich lange andauern. Manchmal kommt eine Eingebung, während ich draußen im Garten beschäftigt bin, während der morgendlichen Meditation oder bei einem längeren Spaziergang. Dann gilt es, das Thema in einzelne Schritte zu gliedern. Habe ich diese einmal formuliert, lasse ich mir Zeit, um an jedem einzelnen Impuls zu arbeiten, damit dieser konkrete Gestalt annimmt, wobei ich mehrmals habe feststellen dürfen, dass die Inspiration mich auch später beim Vortragen der einzelnen Impulse begleitet. Dann halte ich mich kaum mehr an den Text. Ich habe einfach ein paar Stichworte vor mir und es fließt! Da kommen Ideen, Gedanken und vor allem Erinnerungen hoch, die ich meinen Zuhörenden vortrage. Vielfach handelt es sich um Erfahrungen und um wichtige Begegnungen, die ich im Verlauf meines Lebens machen durfte. Meine Impulse versuche ich jeweils mit ein paar gezielten Fragen abzuschließen, um dabei den Zuhörenden Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie das Gehörte für sich persönlich vertiefen können. Das hat wohl ein wenig mit dem Gedanken der «Übung» im Sinne des Heiligen von Loyola zu tun. Wobei es
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