baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit Beat Ötterli (BÖ), wohnhaft in Luzern, Primarlehrer mit Leidenschaft für Lyrik und Belletristik, Schultheaterpädagoge und Vater von vier erwachsenen Kindern. 14 SH «Das Leben als letzte Gelegenheit» so lautet der Titel eines Buches, das mich vor vielen Jahren gepackt hat. Zufällig vernahm ich, dass die Autorin in Aarau referiert. Ich fuhr hin, wollte sie hören, ihr begegnen. Bald verzogen sich die vielen Leute; ich aber setzte mich draussen ins Foyer, denn ich wollte diese Frau für eine «Hertensteiner Begegnung» gewinnen. Sie trat aus dem Saal, steuerte auf mich zu und fragte: «Wo unterrichten Sie?» Ich zog unser Bildungsprogramm aus der Tasche. Sie las interessiert und meinte, da würde sie gerne mal hinkommen. Und so kam es zur ersten eindrücklichen «Hertensteiner Begegnung» mit ihr. Dabei hat sie mir Sinne und Herz geöffnet für das Doppelgesicht der Zeit. Als Zeitknappheit inspiriert sie zu Grosstaten, kann aber auch entmutigen. Sie macht tatendurstig, dann wieder kleinlaut. Ich erkannte unsere widersprüchliche Rede von der Zeit. Wir lassen sie als eigenmächtig handelndes Subjekt auftreten, dann wieder als willkürlich verfügbares Ding. Wir begreifen nicht, dass die Zeit nicht gleichzeitig selbstherrlich und verfügbarer Besitz des Menschen sein kann. Was also ist Zeit? Mir geht es wie dem heiligen Augustinus, der sagte: «Wenn mich niemand danach fragt, weiss ich es. Wenn ich es einem erklären soll, weiss ich es nicht.» Vergleiche helfen oft. Die Zeit ist für den Menschen das, was das Wasser für die Fische. Sie schwimmen ganz selbstverständlich darin, ohne sich Gedanken zu machen. Der Mensch aber hat die Fähigkeit, über die Zeit nachzudenken. Er erkennt, dass er unter allen Lebewesen das Einzige ist, das Zeit spart. Und das seit er die mechanische Uhr erfunden und zu seinem Zeitgott gemacht hat. Wie zeigt sich das Gesicht der Zeit dir als Lehrer und Vater? BÖ Letzthin schickte mir meine erwachsene Tochter ein Foto ohne einen Kommentar. Es war ein älteres Foto. Ich sitze da mitten im falben Gras in meiner blauen Wanderjacke, die helle Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen und halte sie als vielleicht Dreijährige in meinen Armen. Rund um uns leuchten Lärchen im herrlichsten Gelb. Sofort war ich wieder an dem Ort: Wanderferien im Unterengadin. Da sass ich also und machte mit ihr Pause, vielleicht erzählte ich die Geschichte weiter, weil wir doch noch ein Stück Weg vor uns hatten und dies das beste Ablenkungsmittel für müde Kinderbeine ist. Und jetzt zwanzig Jahre später ploppt dieses Bild auf meinem Bildschirm auf. Was hat meine Tochter bewogen, mir dieses Foto zu schicken? Wollte sie mir zeigen: Da hattest du Zeit, da waren wir uns ganz nahe? Zeit haben. Oder ist es vielmehr Zeit leben? Es gibt doch die Unterscheidung von der gemessenen und der gelebten Zeit. Dort im Gras wollte niemand anderes etwas von mir, keinen Termin im Kopf, kein Irgendwo – sein – müssen … Als ich heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit in der S-Bahn sass, hatte ich wieder Zeit. Zwanzig Minuten. Viel Zeit. Wie lebe ich jetzt Zeit? Die fremde Frau im benachbarten Abteil hatte ihr Handy auf laut und redete in ihrer Sprache. Ich wollte schon energisch aufstehen und das Abteil verlassen. Aber was weiss ich schon von diesem Telefonat, vor allem von dem Gespräch? Ich liess sie reden und lachen. Und indem ich dies zuliess, war ich doch auch ganz da. Ich versuchte, das Rütteln des Zuges zu spüren, mir vorzustellen, wo der Zug durchfuhr, damit vergass ich die Zeit und hätte meinen Ausstieg fast verpasst. Aber diesen Moment hatte ich nicht verpasst. Überhaupt nicht schläfrig, sondern hellwach verliess ich den Zug und freute mich auf den neuen Schulmorgen. Hoffentlich gelingt mir das morgen wieder. SH Die Hoffnung – bei allem Tun und Lassen mit meinem ganzen Wesen gegenwärtig, eben an – wesend zu sein im HIER und JETZT – teile ich mit dir. Ich erfahre auch, wie schwierig das ist. Die Angst, etwas zu versäumen, sitzt uns tief im Nacken. Sie bestimme uns moderne Menschen weit mehr als die Todesangst, sagen Zeitforscher. Dabei erfahren wir doch, wenn wir nicht geistesgegenwärtig sind, eben nicht anwesend im Hier und Jetzt, weil Vergangenes oder Künftiges uns besetzen, verpassen wir am meisten. Darauf setzen die vielen Achtsamkeitseminare und die unterschiedlichsten Angebote an Meditationstechniken. Zudem kennen wir aus Erfahrung viele Arten der Hinwendung zu Mensch und Welt, die sich nicht beschleunigen lassen, z. B. geniessen, denken, sich freuen, schauen, empfinden, besinnen, staunen, vertrauen, mitfühlen, verstehen, trauern, lieben, hassen … Allen diesen urmenschlichen Zuwendungen ist gemeinsam, dass sie Resonanz auslösen, gebend und empfangend. Das kann sich nur ereignen, wenn das Gegenüber nicht verzweckt wird. Kann es sein, dass deine Tochter im Anschauen dieses Fotos ein solches Resonanzerlebnis hatte, das die Ferien von damals zur berührenden, ja ergreifenden Gegenwart erweckte und auch dich als Vater emotional traf? Darin liegt für mich das Geheimnis der Resonanz. Sie ist Anteil geben und Anteil nehmen, beruht also auf Gegenseitigkeit. In der Hetze gelingt sie nicht. Liegt es wohl daran, warum wir heute in mancher Hinsicht resonanzlos leben. Das hat seinen Preis. Der zeigt sich als Verstimmung, Erschöpfung, Lustlosigkeit, Das Leben als letzte Gelegenheit

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