Psalmen 8 Von hier nach dort Sr. Renata Geiger Ich freute mich, als man mir sagte: «Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.» So beginnt Psalm 122. Er gehört zu den Wallfahrtsliedern. Die Menschen sangen ihn, während sie auf den staubigen Strassen unterwegs nach Jerusalem waren. Der Psalm lebt von der Spannung zwischen hier und dort, zwischen dem Ort, den man verlässt und dem Ziel, auf das man zugeht. Input – Ich freute mich …. «Ich freute mich». Der Psalm beginnt nicht im Tempel, sondern im Alltag. Auffällig ist, dass die Freude schon am Anfang steht. Noch ist der Weg nicht gegangen. Noch ist das Ziel nicht erreicht. Aber allein die Aussicht aufzubrechen, verändert die Stimmung, weckt die Erwartung. Der Psalmist weiss, der Aufbruch beginnt schon «im Kopf». Es ist der Moment der Entscheidung den status quo zu verlassen. Ziel – Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern Es ist ein Aufbruch zu etwas, das sie zieht, das sie im «Hier» nicht finden können, «das Haus des Herrn», Ort der Präsenz Gottes. Der Weg ist deshalb nicht nur geographisch. Er hat auch eine innere Dimension. Wer aufbricht, lässt etwas zurück: Routine, Sicherheit, vielleicht auch das Gefühl, dass alles immer gleichbleiben muss. Pilgern bedeutet, sich bewegen zu lassen, den Blick zu weiten. Schwellenmoment – Schon stehen wir in deinen Toren, Jerusalem Ein unerwarteter Satz – kaum losgegangen und schon angekommen. Die «Tore» sind in der Bibel Orte der Entscheidung. Es sind Momente des Übergangs. Das Hebräische beschreibt hier einen Augenblick des Innehaltens. Man ist nicht mehr draussen im Unverbindlichen, aber auch noch nicht ganz drinnen. Altes gilt nicht mehr, aber das Neue hat noch nicht begonnen. Vision der Einheit – Jerusalem, du fest gefügte Stadt Die Stadt ist Symbol für ein Zentrum, für einen Ort, an dem das Zerstreute zusammenfindet. Der Psalm ist wohl nachexilisch. Er entstand also in einer Zeit, in der Jerusalem und der Tempel neu aufgebaut wurden und identitätsstiftend wirkten. Es ist der Ort zu dem die Stämme «hinaufziehen». Die Wallfahrt ist nicht nur ein persönlicher Weg. Sie verbindet viele. Menschen aus verschiedenen Regionen. Der Weg führt in eine gemeinsame Erinnerung und in eine gemeinsame Identität. Zentrum der Gerechtigkeit – Dort stehen Thone bereit für das Gericht Ein oft übersehener Vers. Jerusalem ist nicht nur ein Ort der Anbetung, sondern des Gerichts. Mitten im religiösen Zentrum – Rechtsprechung. Es gibt keine Trennung von Frömmigkeit und gesellschaftlicher Realität. Das bedeutet: Wo Gott verehrt wird, muss auch Gerechtigkeit verhandelt werden. Ein Glaube, der sich nur im Innerlichen bewegt, kennt dieser Psalm nicht. Gottesbeziehung hat zu tun mit dem Alltäglichen auf der Strasse, spielt zwischen menschlichen Konflikten eine Rolle und in der Frage von Recht und Unrecht. Finale – Shalom Fast die Hälfte des Psalms befasst sich mit Frieden. Shalom ist kein Privatbesitz. Der Beter wünscht den Frieden nicht für sich. Er wünscht ihn der Stadt, den Mauern, den Freunden. Das hebräische Shalom meint dabei weit mehr als die Abwesenheit von Krieg; es bedeutet Ganzheit, Heilung und Wohlergehen. «Von hier nach dort» zu gehen bedeutet letztlich, den Weg vom «Ich» zum «Wir» zu finden. Sicherheit und Frieden finden wir nicht in der Isolation, sondern in der Verbundenheit. Aber Friede ist kein Besitz. Es ist etwas, das immer wieder neu gesucht werden muss, in unseren Entscheidungen, in unseren Gemeinschaften, in der Art, wie wir miteinander umgehen. shalom
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