7 wer wir sind, und wir können uns auch mit unseren Schwächen besser befreunden als noch vor Jahren. Es gibt ja der Satz des griechischen Dichters Pindar (um 500 vor J.Chr.) ‹Werde, der Du bist›! Im christlichen Sinnen könnte das heissen: ‹Werde die, als die Gott dich gedacht hat: frei und aufrecht›. HW Das ersehnen wir zutiefst. Unser Werden kennt − wie das natürliche Jahr − verschiedene Gezeiten. Und jeder wohnt ein besonderer Zauber inne. Der will erkannt und gelebt werden. Ich erinnere mich als Bauernkind so gerne an den Frühling meines Lebens. Er war reich an Aufbrüchen und Ritualen. Dann der Sommer! Der brachte viel Arbeit, die uns auch als Kinder miteinbezog – nicht immer zu unserer Freude, schenkte aber als Entgelt viel Ermutigung und stärkende Zugehörigkeit. Erst recht der Herbst mit seinem reichen Früchtesegen! Höhepunkt war das Erntedankfest. Ich fühlte mich dabei reich, konnten wir doch von diesen Gaben vor dem Altar grosszügig austeilen. Der Winter brachte unserer Familie mehr Musse und vor allem Feste mit ihren nachhaltigen Ritualen. So werden wir bis ins hohe Alter immer wieder ermutigt, aufzubrechen um im JETZT neu anzukommen. Im Rückblick wird manches deutlicher und kostbarer. Der Philosoph Sören Kierkegaard sagt es so: »Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden». Was zählt, ist das gelebte Leben – mit dem Zauber, der auch im Älterwerden steckt. ABHDiesmal tue ich mich ziemlich schwer mit einer Antwort. Denn vor einigen Monaten habe ich mein Haus verkauft und bin zurück in die Stadt Luzern gezogen − in eine dreieinhalb Zimmer-Wohnung. Ja – der Aufbruch war richtig. Doch das Ankommen ist nicht ganz so einfach. Mit dieser Erfahrung im Gepäck, kann ich jetzt auch weiterdenken und weiterschreiben. Ich stelle fest, dass Ankommen genauso herausfordernd sein kann wie Aufbrechen. Mochte der Aufbruch noch so sinnvoll und richtig gewesen sein – die Ankunft hält dennoch andere und neue Herausforderungen bereit. Wir müssen uns neu anpassen, lernen uns vielleicht auch ganz neu kennen. Wir vermissen das eine oder andere, das vorher wie selbstverständlich vorhanden war. Und so kommt mir Hesse nochmals zu Hilfe mit seiner Einsicht, dass wir mit jedem Aufbruch auch liebgewordene Gewohnheiten hinter uns lassen werden. Es ist wichtig diese Tatsache ernst zu nehmen. Dann können wir möglicherweise freundlicher und geduldiger mit uns umgehen, wenn das mit der Ankunft nicht auf Anhieb so gut klappt, wie wir es erwartet haben. Das gilt für alle Bereiche, wenn es um einen Neuanfang geht: Ankommen in einer Ehe, in einem neuen Job, in einer neuen Beziehung, in einem unbekannten Land, mit einem neugeborenen Kind und der vielen Beispiele mehr. Immer brauchen wir Geduld und Verständnis – vor allem mit uns selbst. Dann werden wir uns allmählich in der neuen Umgebung besser zurechtfinden. Nun: wie steht es jetzt mit unserem letzten Ankommen? Dann, wenn wir die Schwelle überschreiten? Darauf gibt es so viele verschiedene Antworten wie es Menschen und Religionen gibt. Ich kann es nur für mich beantworten: bei diesem letzten Schritt von hier nach dort werde ich nicht allein sein. Bei der Ankunft ins neue Leben werde ich mit sehr viel Licht und Liebe empfangen werden. HW Diese grosse Frage bleibt: Was kommt danach? «Wir leben, um zu sterben, und wir sterben, um zu leben» las ich kürzlich auf einer Grabinschrift. Leben ist dabei das erste und das letzte Wort dieser Inschrift, umzingelt vom Wort sterben, gleichsam als Brücke von hier nach dort. Und diesem unserm letzten Aufbrechen liegt der grösste Zauber inne. Das ist mein fester Glaube. Der grosse Heidelberger Theologe Klaus Berger sagt es so: «Das Beste für uns Menschen kommt erst nach dem Tod». Und dieses letzte Ankommen wird uns ewig staunen lassen.
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=