Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit Angela Bausch-Hug (ABH), Autorin und Psychotherapeutin i.R. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und wohnt in Luzern. Zwei Meinungen – ein Thema Allem Werden wohnt ein Zauber inne HW «Aufbrechen» beinhaltet für mich viele Facetten. Da ist das Gewaltsame, eine Türe, ein Safe wird aufgebrochen. Anders das Unsichere des Aufbruchs zu einer Reise. Oder das Aufbrechen nach dem Scheitern einer Beziehung, dem Verlust des Arbeitsplatzes oder dem Tod eines geliebten Menschen. Ganz anders erleben wir das Aufbrechen der Natur nach der winterlichen Starre, wo neues Leben ans Licht drängt. Wir geniessen dieses Licht, diese Wärme, die Aufbruchstimmung schafft in uns Raum. Davon leben wir. Der Reformator Martin Luther hat es auf den Punkt gebracht: «Leben ist kein Sein, sondern ein Werden.» Dieses Werden ist eine lebenslängliche Aufgabe für uns alle. Sie fordert mutiges Loslassen und festes Vertrauen in das, was noch werden will. ABH Ja, Aufbrechen kann etwas Gewaltsames in sich tragen, etwas, das nie zu dem gewünschten Ziel führen kann, weil ich damit etwas erzwingen will, das noch nicht reif dafür ist. Du kennst ja die Worte von Rainer Maria Rilke: «Reifen wie ein Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht.» Dieses «getroste Stehen» hat es mir angetan. Es ist klug, sich zuerst aufzurichten und auszurichten, bevor ich einen neuen Weg einschlage. Warum? Weil ich dann dastehe, aufrecht in Verbindung mit «Himmel und Erde», tief durchatme, mich wahrnehme und mir sagen kann: «Ich bin da. Mit allem, was zu mir gehört. Wenn ich will, kann ich mich bewusst mit dem Göttlichen verbinden und um den Grossen Segen bitten. Vielleicht stehe ich dann eine Weile ganz still, bis ich voll Vertrauen mich ausrichte auf ein kleines oder grosses Ziel. Oder auf das Ungewisse, das mich ruft.» Ich bin in meinem Leben auch schon einfach losgestürmt – und habe im Nachhinein bereut, dass ich die Geduld nicht aufbrachte zu stehen und zu warten. So ist das manchmal im Leben. Es gehört dazu. Und wer weiss, wo ich jetzt stünde, wenn ich nicht einfach mal losgerannt wäre… Ankommen ist eine ganz andere Sache. Ich bin mir sicher: angekommen sind wir immer schon. Nur merken wir es oft gar nicht. Gott – die grosse Weisheit, Liebe und Klarheit ist in uns und um uns. Immer. Ohne diese innere Gewissheit hätte ich meine Lebensreise mit allen ihren Bergen und Tälern nicht bis hierher geschafft. Natürlich – oft habe auch ich diese innere Sicherheit verloren. Doch sie kehrte stets zu mir zurück als die Ausrichtung, die mich weiter begleitet und begleiten wird ... HW Du sagst es: wer vorwärts will, muss mit den Füssen fest auf dem Boden seines Lebens stehen und mit dem Scheitel den Himmel berühren. Das verlangt Geistesgegenwart. Die gibt es nur um den Preis von Stille, Verzicht, Gelassenheit und Bereitschaft zu stetem Werden. Wie sagt es doch Hesse in seinem vielzitierten Gedicht ‹Stufen›: «Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen. Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf‘ um Stufe heben und weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen. Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.» Darum gehören für mich ‹aufbrechen› und ‹ankommen› zusammen wie Licht und Schatten, wie Tag und Nacht, wie Winter und Frühling. Leben ist ein Werden. ABHSo ist es, ‹Aufbrechen und Ankommen› gehören zusammen. Was mir an diesem «Zwilling» besonders gefällt, ist die Weisheit, die sich darin versteckt: indem ich das Licht bereits in mir trage, bin ich auch ‹angekommen›, so wie ich mich ja auch mit einem grossen Rucksack auf eine lange Wanderung begebe. Und gleichzeitig bin ich dennoch auf ein Ziel ausgerichtet. Dieses ‹sowohl – als auch› kann uns wie ein Schlüssel dienen, um Tür um Tür zu öffnen. Wir sind dann Lichtträgerinnen auf dem Weg nach Hause. Mir hilft dieses Bild, um immer wieder den Rucksack zu schultern und weiterzuwandern. In diesem Weiterwandern findet das statt, was du treffend mit ‹Werden› bezeichnest. Ich frage mich allerdings, was wir mit ‹Werden› meinen. Ich denke, wir können darunter verstehen, dass wir aufgerufen sind, uns weiterzuentwickeln und dass unser Horizont dabei grösser und weiter wird, dass wir im besten Falle immer mehr zu Menschen werden, die gütiger, grosszügiger, menschlicher werden. Das ist der grosse Vorteil unseres Alters. Wir haben jetzt mehr Zeit, uns nach innen zu wenden. Wir können uns zunehmend mehr bewusstwerden, 6
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=