baldeggerjournal

Franziskanische Inputs Lieber Bruder Franziskus Ganz so dramatisch sollte es nicht sein: innehalten und dann die Welt verlassen. Aber ab und zu einen Gang runter schalten und entspannen, ist nicht nur für den Körper, sondern auch für das geistliche Leben wichtig. Das weisst du selber am besten, denn du hast dich doch immer wieder an stille Orte zurückgezogen, um Kraft zu tanken für Leib und Seele. So konntest du tun, was dir unmöglich schien, beispielsweise den Aussätzigen Barmherzigkeit erweisen. Ein Erlebnis, das dich fortan prägte. Wir alle brauchen den Rhythmus von Arbeit und Erholung, von Anspannung und Entspannung. Es ist nicht gut, den Bogen dauernd in Spannung zu halten. Dadurch verliert er seine Spannkraft. Ein dauernd überspannter Bogen bricht. Du selber hast deinen Bogen mehrmals überspannt und dich dann in die Stille zurückgezogen, um mit dir und Gott zu ringen, bis du wusstest, wie es weitergehen sollte. Weisst du noch, als du dich erstmals in die Einsiedelei Carceri (Kerker/Wüste) in den Bergen des Monte Subasio zurückgezogen hast? Du wolltest dir dort über dein Leben klarwerden. In dieser Abgeschiedenheit und Ruhe fandest du die Kraft über deine Zukunft nachzudenken. Dort wurde dir bewusst, wie wichtig der Rückzug aus dem Alltag in die Stille ist. Es gelang dir, deine Alltagswelt aus der Distanz zu betrachten. Du hast die Welt nicht ausgeblendet, aber einen neuen und offenen Blick für deine Situation erhalten. Heute müsstest du dich nicht mehr in die Berge zurückziehen. Du hättest auch bei uns in Baldegg Gelegenheit, in ruhiger Atmosphäre Stress abzubauen und dich von der Alltagshektik zu erholen. In unserer Klosterherberge dürfen wir immer wieder Gäste aufnehmen, die Ruhe und Entspannung suchen. Bei uns gibt es auch die Gelegenheit, sich mit Spiritualität – unter anderem mit deiner Spiritualität – auseinanderzusetzen und vielleicht neue Perspektiven zu gewinnen. Wäre das nicht auch etwas für dich? Du bist jederzeit herzlich willkommen! Die Lage in grüner Natur und in der Nähe des Baldeggersees ist bestens geeignet, körperlich und geistig zu entspannen und einen neuen Blick für die eigene Situation zu gewinnen. Jetzt haben wir Sommer. Für viele Menschen bedeutet dies Ferienzeit, eine gute Gelegenheit, einen Gang tiefer zu schalten, sich zu erholen und Distanz zum Alltag zu gewinnen. Weshalb nicht einen Rückzug in die schöne Natur wagen? Doch zurück zur Aussage in deinem Testament: eine Weile innehalten und die Welt verlassen. Ich weiss, dass du mit deiner Äusserung nicht meintest, die Welt bzw. das Leben zu verlassen, sondern deinen bisherigen Lebensstil. Du wandtest dich ab vom Reichtum deiner Eltern, von der politischen und kirchlichen Welt. Du hast eine alternative Lebensform begonnen und dadurch viele Brüder und Schwestern fasziniert, die dir nachfolgten. Du warst ein Bote des Friedens. Versöhnung war dir wichtig. Mit deinem Friedensverständnis hast du dich gegen die politische und kirchliche Situation deiner Zeit gestellt, die geprägt war von Kreuzzügen und von päpstlichen Anordnungen, die du als nicht evangeliumsgetreu erkanntest. Du spürtest, was Not tat und was Jimi Hendrix später so formulierte: «Wenn die Macht der Liebe über die Liebe zur Macht siegt, wird die Welt Frieden finden.» Statt nach Macht über andere, sollen wir nach innerem, persönlichem Frieden streben. Diesen Frieden finden wir, indem wir uns ab und zu zurückziehen, zur Ruhe kommen, entspannen und neue Kraft tanken für Leib und Seele. Das sollte unser Ziel sein. Dann können vielleicht auch wir im Alltag tun, was uns vorher unmöglich schien. Lieber Bruder Franz, du bist und bleibst mir Vorbild! Vergiss nicht: du musst dich nicht in die Berge des Monte Subasio zurückziehen. Du bist auch in der Klosterherberge Baldegg herzlich willkommen! Pace e bene! Deine Sr. Nadja «Der Herr hat mich zu den Aussätzigen geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süssigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verliess die Welt.» 13

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