Cantate domino Dann folgt nochmals eine Chorfuge «Doch eure Traurigkeit soll in Freude verkehret werden», die eine höher transponierte Version des ersten Teils ist. Jetzt aber ist es nicht mehr die Freude der Welt, sondern die Freude der Jünger, die zum Ausdruck gebracht wird. Mit einem Dur-Schluss des h-moll-Satzes wird die Freude der Jünger endgültig bestätigt. In diesem ersten Teil steht die Trauer der Jünger der Freude der Welt gegenüber. In grossem Kontrast zwischen den Jüngern, die weinen und klagen und der "Welt", die sich freut, wird die folgende Zeile, „aber die Welt wird sich freuen“, mit Bachs Freudenmotiv gestaltet. Markante "aber-Einwürfe" unterstreichen den Gegensatz. 12 Trauer verwandelt sich in Freude Dieser Teil wird unterbrochen von einem schmerzlichen Accompagnato-Rezitativ. Der Bass als «Vox Christi» singt die Worte «Ihr aber werdet traurig sein» zu klagenden Streicherharmonien und zu einer «Weinen-Figur» der Flöte. Von der Trauer zur Freude – mit diesen Worten könnte man die Bach-Kantate 103 überschreiben. Bach schrieb sie für den Sonntag Jubilate, den dritten Sonntag nach Ostern 1725 und es mag erstaunen, dass Bach für die österliche Zeit eine Kantate mit dem Titel «Ihr werden weinen und heulen» schreibt. Aber vielleicht können wir es nachvollziehen, wenn wir auf den Schrifttext dieses Sonntags schauen. Er ist den Abschiedsreden im Johannesevangelium entnommen: «Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich werde euch wiedersehen, dann wird euer Herz sich freuen.» Joh 16,22 Ich beschränke mich auf den Eingangschor, den längsten und komplexesten Satz der Kantate. Er gibt Worte aus dem Evangelium des Tages wieder und spannt damit den Bogen von der Traurigkeit zur Freude. Die Kantate beginnt mit einer konzertanten Orchestereinleitung, in der Streicher und Oboen zueinander antiphonal eingesetzt werden und in der die Blockflöte über beiden Gruppen virtuos konzertiert. Hier verwendet Bach eine Sopranino-Blockflöte, im höchsten Tonumfang des Soprans. Damit will er das nervig-schrille Fühlen von Schmerz bewusst machen. Dann beginnt eine Chorfuge mit einem völlig neuen Thema zum Text «Ihr werdet weinen und heulen». Das Thema weist einen übermässigen Schritt bei «weinen» und einen Tritonussprung zu «heulen» auf. Der zweite Einsatz ist chromatisch; «heulen» ist mit einem tonmalerischen Triller versehen, der bei entsprechender Ausführung wirklich zum Heulen klingen kann. Die Kantate auf Youtube: https://www.youtube.com/ watch?v=Lal2Smg7468 Sr. Renata Geiger
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