Zwei Meinungen – ein Thema 16 es zu Beginn seiner Ethik: «Freundschaft ist für das Leben das Notwendigste.» Wir arbeiteten über all die Jahre grundsätzlich und zeitgemäss. Grundsätzlich: wir verstanden Kirche als kulturelles Lebensgebilde, in dem Religion, Wissenschaft und Kunst einer gemeinsamen Aufgabe verpflichtet sind. Zeitgemäss: den Puls der Zeit fühlend, damit die rasanten Veränderungen nicht bloss erlitten, sondern als Wandel mitgestaltet werden. Wir haben diese zutiefst erfüllende Aufgabe losgelassen im festen Vertrauen, eine jüngere Leitung baue auf dem gelegten Fundament weiter. – Es kam anders. Wieder wird Weinachten. Gott kommt in Jesus Christus als Mensch in unsere Welt und Zeit, um uns für den Weg aus der Knechtschaft des Entweder-oder in die Freiheit des Sowohlals-auch zu ermutigen. Erinnern wir uns doch an das Psalmwort: «Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott.» EL Ja, Weihnachten! Ich wäre damals auf der nächtlichen Schafweide bei Bethlehem so gern dabei gewesen. Aber Weihnachten kann ein Dauerzustand werden, wenn wir dem Ratschlag des Jesus von Nazareth folgen: «Werden wie die Kinder», oder dem Beispiel des Wassers. Machen wir’s dem Wasser nach. Das Wasser und die Kinder sind sehr nahe Verwandte, verspielt, neugierig, spontan, offen für alles, was ist und wird. Mir ist schon klar, dass Kirche und Gesellschaft das anders sehen; sie wollen uns um jeden Preis zu «Erwachsenen» machen. Und locken uns damit in die Falle der Dualität – nur Entweder oder. In diesem Geistes- und Seelenzustand ist es allerdings schwer, wenn nicht gar unmöglich, auch zum Sowohl-als-auch zu gelangen. Das gelingt uns nur aus unserer Mitte, aus unserem «Seelenkämmerlein» heraus. Und dort sind wir «wie die Kinder», dort ist immer «Weihnachten». Ich weiss aber aus eigener Erfahrung, dass der – meditative – Weg in unsere Mitte nicht immer einfach ist. Erste Versuche vor vielen Jahren hatte ich schnell wieder aufgegeben, die Angst vor dem Dunkel der Innenwelt und ihren «Monstern» versetzte mich in Panik. Aber «Weihnachten» war stärker. Inzwischen habe ich manchmal das Gefühl, man sehe es in meinen Augen … HW Ja, die Spuren deiner kontemplativen Haltung sind sichtbar in deinen Augen. Darin hat das Dunkel unserer Innenwelt mit samt ihren Monstern Raum. Auch das Scheitern und unsere Enttäuschungen werden so transformiert und dienen dem Menschwerden, solange wir immer wieder aufstehen. «Auferstehung Manchmal stehen wir auf Stehen wir zur Auferstehung auf Mitten am Tage Mit unserem lebendigen Haar Mit unserer atmenden Haut. Nur das Gewohnte ist um uns. Keine Fata Morgana von Palmen Mit weidenden Löwen Und sanften Wölfen. Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus. Und dennoch leicht Und dennoch unverwundbar Geordnet in geheimnisvolle Ordnung Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.» Marie Luise Kaschnitz Können Sie «loslassen»? Wir müssen sogar loslassen, ob wir wollen oder nicht. Oft werden wir nicht einmal gefragt. Jede und jeder von uns muss ganz Unterschiedliches loslassen: Menschen, Orte, Ansichten und Einstellungen. Wie kann man einigermassen schmerzlos loslassen? Es gibt kein Patentrezept. Wie wir alle ganz unterschiedlich sind, so verschieden sind auch unsere Reaktionen auf Abschiede, auf Trennungen und auf Neustarts. In der bekannten biblischen Geschichte «Vom verlorenen Sohn und seinem barmherzigen Vater» (Lk 15,11-32) wird mir bewusst, dass auch Gott loslassen muss, nämlich uns Menschen. Diese Geschichte zeigt mir, wie Gott es macht. Er lässt uns einfach gehen und ausprobieren. Und riskiert damit viel. Gott zwingt uns Menschen zu nichts. Er wagt sogar viel, wenn er uns die Freiheit lässt. Denn wir könnten alles, was uns gelingt, auf unsere Fahnen schreiben und ihn für all das, was uns misslingt, verantwortlich machen. Das ist das Wagnis Gottes, dass er sich so auf uns Menschen einlässt und uns zugleich loslässt damit wir auch ganz anders leben können. Aus der Art und Weise, wie Gott mit uns Menschen umgeht, entnehme ich: Zum Loslassen gehört immer auch das Sich-Einlassen auf neue Lebenswege, auf einen neuen Beruf, auf eine neue Umgebung, auf andere Menschen. Auch wenn die spannende Auswanderergeschichte des «jüngeren Sohnes» beinahe wirklich tragisch geendet hätte, macht dieses Gleichnis Mut, sich auf neue Lebensbedingungen oder Zustände einzulassen. Denn es spricht von Gott als einem «barmherzigen Vater», der auch dann da ist, wenn es ganz anders gekommen ist, als man es sich je ausgemalt hat. Sr. Karin Zurbriggen ZweiMinutenPredigt
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