baldeggerjournal

17 Glauben & Beten Wann bist du ins Kloster eingetreten – und warum? 1964 bin ich als Kandidatin ins Kloster eingetreten und habe 1966 die erste Profess abgelegt. Ich habe Mühe, die Frage nach dem «Warum» zu beantworten. Ich versuche es trotzdem. Es war in einer Mathematikstunde bei Sr HildaMaria. Sr. Hilda-Maria, klein von Gestalt, stieg energisch mit dem Transporteur und der Kreide in der Hand von ihrem Katheder herunter. Dabei wehte ihr Schleier wie im Wind, der mich direkt in den Bann zog. Schleier – Kloster – Aha – vielleicht auch etwas für mich!? Ich erwachte aus meiner Träumerei; der Gedanke liess mich nicht mehr los. Ich spürte immer deutlicher: diesen Weg musst du gehen. Ich habe es bis heute nie bereut. Ehrlicherweise muss ich auch gestehen, dass keineswegs Sr. Hilda-Maria mich ins Kloster gezogen hat. Und – war es Zufall? Nein – eher gottgewollt: Sr. Hilda-Maria war dann später auch meine Novizenmeisterin. Wo bist du daheim? Ganz bei mir persönlich, wenn ich allein bin, z. B. am Abend in meinem Schlafzimmer, in der Kapelle, aber auch bei einem Spaziergang. Ich spüre dabei mein Innerstes, eine grosse Zufriedenheit. Ich bin überzeugt, dass da GOTT ist, bei dem ich Beheimatung finde. Ein Erlebnis aus der Kinder- oder Jugendzeit, das dich prägte? In unserer Familie erlebte ich den Sonntag jeweils wie einen Festtag. Schon beim Aufstehen ertönten aus der Stube gregorianische Gesänge. Mein Vater war Organist und übte jeweils die Proprien für den Pfarreigottesdienst. Wir Mädchen lauschten immer mit Hingabe und kleideten uns stillschweigend an. Erst wenn der Vater mit seinen Musikalien in der Mappe das Haus verlassen hatte, wurde das Schweigen gebrochen. Bald war es auch für uns Zeit, wenn alle Glocken läuteten. Diese sonntägliche Stimmung, die Kirchenmusik, der Gottesdienst haben mich geprägt. Ich bin überzeugt, dass dieses Erleben der Samen für meine Berufung war. Wer ist dir Vorbild? Als franziskanische Schwester ist mir Franziskus Vorbild. Auch meine erste Oberin, Sr. Johanna-Maria Greter, war mir Vorbild. Durch sie habe ich den Einstieg in den Alltag einer Ordensschwester leicht geschafft. Wer lehrte dich glauben? Als Kind in einer katholischen Familie aufgewachsen bin ich in den Glauben hinein- und mitgenommen worden durch das Beispiel und Vorleben meiner Eltern. Welche Farbe hat dein Glaube? Keine. Für mich ist der Glaube etwas, woraus ich mein Tun und Sein gestalte und belebe. Was bedeutet dir glauben? Immer, wenn ich etwas nicht verstehen kann, wird mein Glaube auf den Prüfstand gesetzt. Der Gedanke «Es hat alles seinen Sinn» lässt mich darüber hinweg- und weitergehen. Wer ist Gott für dich? Das Gute in mir – Gott in allem – Gott im Nächsten – Gott überall: Gott ist für mich nicht «JEMAND». Gott kann ich spüren. Eine konkrete Erfahrung der Vorsehung Gottes in deinem Leben? Dass ich nach meiner Profess bald einmal in den SONNENBERG geschickt wurde, da war zweifellos die göttliche Vorsehung am Werk. Gibt es auch Zweifel? Ja, immer mehr. Trotzdem – der Glaube hält mich. Wie betest du? Das Gebet begleitet mich durch den Tag. Ich spreche viel mit Gott. Wie zeigt sich der Einfluss von Franziskus in deinem Leben? Ich bin sehr dankbar für alles, was ich habe. Welches Wort aus der Bibel oder welches Gebet begleitet dich durch das Leben? Der Psalmvers: «Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch!» Zwei Dinge, die du den Menschen sagen möchtest Alles, was geschieht, hat seinen Sinn. Das Loslassen gehört zu jedem Leben. Sr. Boriska Winiger, 1943, aufgewachsen mit sechs Schwestern und einem Bruder in Eich, Primarlehrerinnenseminar Baldegg. 1970 bis 1972 Studium der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik in D-Heidelberg. 1975 bis 2008 Schulleiterin im SONNENBERG, Beratung und Schule für sehgeschädigte Kinder und Jugendliche, Baar ZG. 2008 bis 2019 Aufbau des Medienzentrums im SONNENBERG und des Museums «Geschichte der Blindenpädagogik – Geschichte des SONNENBERG». Seit 2019 in verschiedenen Führungsfunktionen im Mutterhaus Baldegg.

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