15 in Bewegung-sein unseres Geistes, ausgerichtet auf das grössere Ganze, werden wir Mensch. Dadurch verliert das scheinbar Gegensätzliche an Feindlichem. Es gewinnt an Weite und offenbart sich allmählich als Chance, zu werden, die wir sind. Wir sind nicht einfach Natur; das bedingt und ermöglicht Bildung. Jeanne Hersch sagte es damals so: «Der Mensch wird Mensch, indem er sich bildet.» Sie verstand darunter «den liebenden Kampf um der Wahrheit willen». Ihr ging es nie um das blosse Anhäufen von Wissen, nicht um den schnellen Erwerb von Kompetenzen. Ihr ging es immer um jene Wahrheit, der wir uns nur annähern können, ohne sie je zu erreichen. Ihre Gedanken sind für mich heute aktueller als damals. Sich bilden verlangt gerade heute: im Fluss zu bleiben. Wachsam wahrnehmen, erwägen, prüfen, aus- und abwählen, entscheiden, sich bescheiden, was den Verzicht einschliesst. Heisst auch: offen bleiben für das was mir zufällt, was mich trifft, mich herausfordert, sogar irritiert, aber auch offen bleiben für das, was mich beschenkt. «Es könnte ja sein, dass Geschehenlassen die besseren Ergebnisse bringt als alles, was wir machen können», sagst du. Wie oft durfte ich das schon erfahren! EL Es freut mich sehr, dass dir das Flussgleichnis gefällt. Es ist die Natur höchst persönlich, die uns sagt, dass die beiden Gegensätze «Entweder-oder» und «Sowohl-als-auch» zusammengehören. Auch Jesus von Nazareth hat sich bei vielen seiner Gleichnisse auf die Natur bezogen: Sämann, Senfkorn, Vögel, Weinberg ... Auch unser Körper ist ein verlässlicher Zeuge in dieser Angelegenheit: Entweder ist der Blutkreislauf geschlossen oder wir verbluten und sterben. Aber wir sterben auch, wenn der Blutkreislauf an seinen Extremorten, den Kapillaren tief im Körperinnern und in den Lungenbläschen nahe an der Aussenwelt nicht offen, nicht durchlässig ist. So ist es auch mit dem Sein und dem Machen, das du angesprochen hast. Vom Sein allein wird niemand satt, es braucht unseren Körpereinsatz, also das Machen, wenn wir uns ernähren wollen. Mit Blick auf die Natur sind die beiden Gegensätze «Entweder-oder» und «Sowohl-als-auch» also eine Selbstverständlichkeit – nicht ganz einfach zu leben, aber es geht. Leider aber hat das kirchliche Dogma viel dazu beigetragen, uns das Gegensätzliche als unser Daseinsprinzip schlecht zu machen. Beim Licht zum Beispiel ist es ganz krass: Entweder das Licht oder die Finsternis! Das Licht sei das Gute, also Göttliche, die Finsternis das Böse, also das Teuflische, hat man die Menschen gelehrt. Was für ein Irrtum! Wir wissen doch, dass das Dasein als Mensch in der Dunkelheit des Mutterbauches, der helle Tag aus dem Dunkel der Nacht hervorgehen. Das Kirchendogma aber lässt keinen guten Faden am nächtlichen Dunkel, obwohl sogar die Welt als Ganze aus ihm hervorgegangen ist («Und Finsternis lag über den Wassern»). Die Kirche hat uns damit eine schwere Hypothek aufgebürdet und dazu beigetragen, uns der Natur zu entfremden. Die Rückkehr ist schwierig, zumal wir die wundersame und zauberhafte Natur inzwischen längst als «Umwelt» versachlicht, objektiviert haben. Ich komme deshalb nochmals auf den Fluss zurück. Entweder linkes oder rechtes Ufer, da gibt es kein Pardon. Aber sowohl das linke als auch das rechte Ufer bilden den natürlichen Raum, in dem das Wasser fliesst. Das ist das Leben. HW Ja, Menschwerden verlangt fortwährendes Entscheiden, denn was fliesst, sich bewegt, wandelt sich. Unsere Überflusskultur und das rasante Lebenstempo machen es nicht einfach. Vonnöten sind verlässliche Orientierung; Einsicht, Um- und Weitsicht. All das ist uns mit der Geburt nicht gegeben wie unsere Augenfarbe. Es will erworben werden. Oder wie Jeanne Hersch damals sagte: «Der Mensch wird Mensch, indem er sich bildet». Was das beinhaltet, durfte ich als Bildungsleiterin unserer Stella Matutina über zwanzig Jahre hinweg bei mir und vielen andern eindrücklich erfahren. Es beschenkt mich bis heute und kann nur verdankt werden. Dabei war meinem unvergesslichen Co-Leiter, P. Hegglin und mir der Name unseres Bildungshauses von allem Anfang an Programm und Auftrag. «Morgenstern» schenkt göttliche Orientierung, sagten wir uns. In der christlichen Tradition steht der Morgenstern, der vor Sonnenaufgang am dunkeln Nachthimmel leuchtet, für Christus. Dieser Tradition verpflichtet, entwickelte sich die Stella Matutina immer mehr zu einem Ort des Nachdenkens und Weiterdenkens, zu einem Ort, wo das Entweder-oder dem Sowohl-alsauch Raum schafft und Menschen mit den Gegensätzen Frieden schliessen, wie du sagst. So wurde unsere Stella zum Ort der Begegnung, Beziehung und Freundschaft. Aristoteles sagte
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