baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit Erich Liebi (EL), seit Jahrzehnten beruflich als Journalist tätig, Chefredaktor der Fachzeitschrift «persönlich». Heute freiberuflicher Autor, Übersetzer und Publizist (www.himmelunderde.ch). 14 HW «Menschsein heisst Menschwerden», so lautete der Titel einer Gastvorlesung der grossen Genfer Philosophin Jeanne Hersch an der Universität Fribourg zur Zeit meines Studiums. Es war in den unruhigen sechziger Jahren. Hersch war damals um die Sechzig. Eine eindrücklich dynamische Frau, sprühenden Geistes, mit beiden Füssen auf dem Boden ihrer Zeit, aufgerichtet zum Himmel hin. Die Aula Magna war bis auf den letzten Platz besetzt. Ganz im Hintergrund wachte ihr Hund, ein stolzes Tier, begleitet vom Chauffeur der beiden. Unvergesslich bleibt mir ihre eindringliche Ermutigung: «Hören Sie nie auf zu staunen, zu bewundern und zu fragen. Hören Sie wach zu, um Welt und Mensch zu entdecken. So bewahren sie Offenheit und Neugierde. So ereignet sich Bildung.» Wir sollten das unvollkommene Menschsein lieben, das immer ein Menschwerden sei. Denn darin gründe die menschliche Freiheit und damit unsere Möglichkeit, wahrhaft Mensch zu werden. Noch höre ich ihre eindringliche Stimme und sehe ihre funkelnden Augen. Wieder gehen wir auf Weihnachten zu. Wir feiern die Menschwerdung Gottes hier und heute, in unserer Welt und Zeit, die wir fortwährend mitgestalten. Zwar entpuppt sich dieses Fest immer mehr als lukratives Geschäft unserer Konsum- und Eventwelt. Die Angebote zur Selbstoptimierung und zum Mehr-Haben schiessen ins Kraut. Unser Fernweh trifft auf immer verlockendere Reiseangebote. Das Dunkel so vieler Alltage soll aufgelichtet werden. Selbst das Glücklichsein ist zum Konsumartikel geworden. Aber wie steht es um das Menschwerden des Menschen, um mein Menschwerden, mein alltägliches Menschsein? Bei diesem Fragen fällt mir das Gedicht «Ecce homo» von Hilde Domin ein: «Weniger als die Hoffnung auf ihn das ist der Mensch einarmig immer Nur der gekreuzigte beide Arme weit offen der Hier-Bin-Ich» Und im Weiterdenken stosse ich auf dein Studienzentrum «Erde und Himmel», dein Suchen nach unserer ganzen Seinswirklichkeit, wie du sagst. EL Gestern abend um 22.25 Uhr ist mir das zugeflogen: «Aus den göttlichen Quellen fliesst ausschliesslich Gegensätzliches in unsere Welt. Der Fluss mit seinen zwei Ufern und dem Fliessenden dazwischen ist mein Beweis dafür.» Aber heutzutage haben wir es verlernt, das Sowohl-als-auch und das Entweder-oder als die zwei Ufer unseres Lebensflusses wahrzunehmen und zu leben. Dabei würde mit dem natürlichen Gegensatzbewusstsein so vieles so viel einfacher. Dabei ist uns der Fluss wirklich ein guter Lehrmeister. Entweder linkes Ufer oder rechtes Ufer – an beiden gleichzeitig können wir nicht sein. Es sei denn, wir seien selber «Fluss». Er weiss es und spielt damit, dass sowohl das linke als auch das rechte Ufer sein Dasein als Fluss bestimmt. Er weiss es deshalb so gut, weil er die beiden erzgegensätzlichen Ufer ja selber ist. Aber auch selber macht. In diesem Sinn gehören Werden und Machen ebenso untrennbar zusammen wie die beiden Flussufer. Wenn wir Frieden schliessen zwischen den Gegensätzen, werden wir frei, uns auf das Sein zu konzentrieren. Das gibt Frieden und Gelassenheit. «Lo’s doch eifach lo si», sagte man sich in meiner Kinderheimat, wenn der «Macher» in uns wieder einmal meinte, um jeden Preis seinen «Grind dureschtiere» zu müssen. Es könnte ja sein, dass Geschehenlassen die besseren Ergebnisse bringt als alles, was wir machen können, wenn wir im falschen Moment handgreiflich werden. Sein ist Ewigkeit, Lassen auch. Und beide haben enormes Wirk-Potential. Das weiss der Fluss sehr gut, wenn er seelenruhig in seinem Bett liegt und die Kräfte, die in ihm stecken, machen lässt. In diesem Punkt ist der Fluss wie Gott. Von ihm wird gesagt, er habe am Anfang Himmel und Erde gemacht. Aber was wissen wir denn? Es könnte ja sein, dass sich Gott über Jahrmillionen mit dem Sein zufriedengegeben hat, nur um eines Tages erstaunt festzustellen, dass daraus Welt geworden ist – lebendige, bewegende, wundersame Welt aus lauter Gegensätzen aus der einen Quelle. HW Noch sinniere ich über dein Weiterdenken, aber ehrlich gestanden, stehe ich an. «Aus den göttlichen Quellen fliesst ausschliesslich Gegensätzliches in unsere Welt», sagst du. Das viele Gegensätzliche, das uns zu schaffen macht, lässt sich nicht leugnen. Ob es aus den göttlichen Quellen fliesst oder doch eher mensch- und zeitgemacht ist, muss ich offenlassen. Aber dass wir immer mehr Mühe haben, das «Sowohl-als-auch» und «das Entweder-oder» als die zwei nützlichen Ufer unseres Lebensflusses wahrzunehmen und zu leben, ist offensichtlich. Stattdessen sind wir Profis im Polarisieren, im Bewerten und Verurteilen. Und das nicht nur in Politik und Kirche, sondern auch im alltäglichen Leben. Auf meine Überzeugung, dass man/frau nie definitiv Mensch ist, sondern immer Mensch wird – und das lebenslänglich, antwortest du mit dem Bild des Flusses. Das gefällt mir. Im Strömen des Wassers, im unablässigen «Menschsein heisst MenschWERDEN» – lebenslänglich

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