11 lauf wie beim Erntedank. Der reiche Gabentempel vor dem Altar, die Segnung mit Weihwasser, die Orgelklänge bei wohlriechendem Weihrauch und das grosszügige Teilen danach mit Menschen ohne eigenen Grund und Boden, bewegte mein religiöses Empfinden in der Tiefe. ‒Vieles davon wurde inzwischen der Modernisierung und dem Zeitgeist geopfert ‒ ohne Wandlung. Aber Leben ohne Feiern ist trostlos, grau und kalt. Darum träume ich weiter von der wandelnden Kraft gelebten und gefeierten Glaubens zusammen mit andern. Denn wer lebt, träumt ‒ wer träumt, lebt. BL Wach bleiben für den Einbruch des Göttlichen? «Im Herzen der Liebe» war ja gar nicht als Buch geplant. Am Anfang des siebenjährigen Prozesses stand eine eher träumende Selbstvergewisserung. Ich wollte mir selber auf den Grund gehen mit der Frage: Warum ist dir, Bernhard, die Messe so wichtig? Antworten schälten sich im Laufe des Schreibens heraus: Ich brauche die Gestaltungskraft einer wöchentlichen Übung, die einfach und wiederholbar ist. «In froher Erwartung sein» ist ein Existential, enthalten in den Wandlungsschritten dieses uralten Rituals. Im tastenden Schreiben ergründete ich die einzelnen Schritte in ihrer Konkretheit: im Kyrie aufrecht stehen, den Frieden zugesprochen bekommen. Stille geschehen lassen. Empfangen, nicht Brot allein, ebenso Impulse, Lieder, Musik, Bilder, Gebete. Vergebung zugesprochen bekommen. Das Herz öffnen in den Fürbitten, stellvertretend für Leidende, deren Stimme nicht gehört werden. Ich verstand: Die (meine) innere Ordnung geht verloren, wenn es keine gemeinschaftlichen Vollzüge wie die Messe gibt. Ich berge mich in ihrem vertrauten Rahmen. So mache ich mich verfügbar für göttliche Gnade. Ich brauche die regelmässige Messe als Übung, um wieder neu zu mir selber entlassen zu werden. Es ist schon paradox: Viele Menschen suchen und reisen weit und geben viel Geld aus, um am Schluss genau das zu bekommen, was sie an «Öl» in der Kirche um die Ecke gratis haben könnten. «Sursum corda, erhebet die Herzen»: Beim Schreiben des Kapitels «Gloria» hat mich eine abgrundtiefe Traurigkeit eingeholt. Diese erlebe ich öfter im gleichnamigen Teil des Gottesdienstes, nämlich dann, wenn ich spüre, dass das religiöse Empfinden von den Teilnehmenden abgestumpft ist. Ihr Herz hat verlernt offen zu sein, zu staunen, sich zu erheben. Meister Eckhart, ein deutscher Mystiker, spricht schon vor 700 Jahren davon, dass manche Leute «30‒40 dicke schwere Bärenhäute über ihre Seele gezogen haben». Ein geistliches Sommerlied von Paul Gerhardt beginnt mit «Geh aus mein Herz und suche Freud». Haben die Menschenherzen heute verlernt auszugehen und etwas anderes als sich selber zu erwarten? Braucht es eine Basis, damit Herzen ausgehen können? Und wohin sollte es denn frei gelassen werden, das Menschenherz? HWGanz einfach, würde meine alte Freundin antworten. In seine wahre Sehnsucht, wohin denn sonst? Alles beginnt mit der Sehnsucht, sagt Nelly Sachs in ihrem Gedicht. Diese Sehnsucht vermag das Gefängnis unseres kleinen ICH's mit seinem engen Denken zu sprengen. Sie weist uns den Weg zum ersehnten Überstieg aus der unterdrückten Transzendenz und lässt uns so teilhaben am wahren Menschsein. Es ist diese Sehnsucht, die uns immer wieder träumen lässt vom guten, besseren und gerechteren Leben. Wählte nicht schon unser Gott öfter den Traum, um sich dem Menschenherzen kundzutun? «Fing nicht auch deine Menschwerdung, Gott, mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?», fragt die Dichterin. Und sie fährt fort: «So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen, dich zu suchen, und lass sie damit enden, dich gefunden zu haben.» Galluspforte, Basler Münster
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