baldeggerjournal

8 Träumen und Wachen in meinem persönlichen Leben +Denis Theurillat, em. Weihbischof von Basel, Baldegg Tatsächlich gehört es zu meinem Leben, dass ich träume und wache. Das sind zwei Dinge, die grundsätzlich zu jedem Leben gehören, es prägen und begleiten. Das erste Merkmal: Ich träume. In der Nacht träume ich viel … viel zu viel, umso mehr, als ich meine Träume nicht auswählen kann. Die Träume, an die ich mich erinnern kann, sind manchmal angenehm, sogar wunderschön, manchmal aber auch gar nicht. Es gibt sogar Albträume, die ängstigen oder erschrecken. Zum Glück träume ich aber auch am Tag und zwar oft. Da geht es aber um ganz und gar andere Träume. Ich kann sie wählen, und ich wähle sie gerne. So träume ich zum Beispiel • von den Menschen, die ich mit Freude wiedersehen werde und von den tollen Diskussionen, die wir führen werden; • vom Frieden in der Welt, denn die katastrophale Situation in gewissen Ländern ist unerträglich; • von der Harmonie in mir selbst, die ich immer mehr erfahren möchte. Der Traum gehört also nicht nur der Nacht, sondern auch und vor allem dem Tag. Er gibt mir Hoffnung, dass etwas Gutes, Schönes und Richtiges geschehen kann. Viele dieser Tagträume verleihen mir mit ihren Farben Energie. Sie schenken meinem Leben Sinn, umso mehr, weil ich an Gott glaube. Ich träume, wenn ich meinen Lieblingspsalm spreche: «Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher kommt mir die Hilfe? … Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat». (Ps 121, 1ff.) Ja! Ich träume. Es gibt das zweite Merkmal des Lebens: Ich wache. Ich lebe im Pflegeheim «Sonnhalde» und treffe manchmal am Abend unsere Pflegerinnen, die ankommen und die die ganze Nacht über unsere älteren und oft leidenden Schwestern und auch über uns alle wachen. Ich merke ganz einfach, dass das Wachen unentbehrlich ist, denn es macht mich sensibel für das Leben und gehört zum Guten dieses Lebens. Dieses Beispiel der Pflegerinnen spricht mich an und lässt mich persönlich fragen: Worüber wache ich? Wache ich • über meinen Alltag, damit ich meine Arbeit am besten realisieren kann? • über meine Gesundheit, umso mehr, als der Arzt mir gute Ratschläge schenkt? • über die Entwicklung des Kosmos, der die Schöpfung Gottes ist? Träumen und Wachen: Diese zwei Merkmale des Lebens, die eigentlich unterschiedlich sind, können sogar einen Kontrast bilden! Ich träume von den Ferien und gleichzeitig wache ich über einen kranken Menschen. Ich träume davon, eine Verwandte wiederzusehen, die weit von mir entfernt lebt, wache aber gleichzeitig über eine dringende Arbeit, die ich zu Ende führen muss. Es sind oft so unterschiedliche Realitäten, die in mir wohnen. Und manchmal leben diese beiden Merkmale zusammen. Das eine führt sogar zum zweiten Merkmal. So träume ich von einem guten Ende auf dieser irdischen Erde und von einer schönen Ankunft im Himmel Gottes. Gleichzeitig wache ich, denn Jesus selbst sagt zu uns allen: «Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde» (Mt 25, 13). Und er wird es mit diesen folgenden Worten bestätigen: «Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt!» (Lk 12,37). Dank sei Gott für meine Träume und mein Wachen.

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