Psalmen «Kommet zuhauf! Psalter und Harfe wacht auf!.» Wer kennt es nicht, dieses Lied! Als Kinder haben wir es herausgeschmettert ohne viel zu denken. Erst beim Verfassen dieses Textes ist mir bewusst geworden, dass dieser Satz aus einem Psalm stammt, nämlich aus Psalm 57. Dem Liederdichter Joachim Neander hat er wohl als Vorlage gedient, wenigstens für diesen einen Satz. Erfahrung von Dunkelheit Psalm 57 wird König David zugeschrieben. David muss vor Saul in eine Höhle fliehen, so lautet die Überschrift des Psalms. Dort schildert er Gott seine Not. Es ist eine Situation des Dunkels, der Nacht, in der oft gegen alle Hoffnung festgehalten wird, dass es einen Morgen geben muss. Und darum wendet sich David voll Vertrauen an Gott mit der Bitte: «Sei mir gnädig, o Gott, sei mir gnädig,* denn ich flüchte mich zu dir. Im Schatten deiner Flügel suche ich Zuflucht,* bis das Unheil vorübergeht.» Ps 57,2 David nimmt seine Zuflucht zu Gott im Bild, das Gottes Hilfe wie grosse schützende Flügel umschreibt. Dort fühlt er sich geborgen «bis das Unheil vorüber ist..» Und das Unheil geht tatsächlich vorüber. Was geschehen ist, wissen wir nicht. Aber plötzlich ändert sich die Klangfarbe im Psalm. Das Dunkel verliert seine Bedrohlichkeit. Es wird langsam heller. In den nun folgenden Versen drückt David seine neu gewonnene Zuversicht und Bereitschaft aus: Ichwill das Morgenrot wecken «Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, dir will ich singen und spielen. Wach auf, meine Seele! Wacht auf, Harfe und Saitenspiel, ich will das Morgenrot wecken!.» Ps 57, 8-9 Beim Lesen bin ich am letzten Satz hängen geblieben: Ich will das Morgenrot wecken Ein poetischer Satz, ein schönes Bild – aber was will es aussagen? Die Morgendämmerung, die Morgenröte, die aufgehende Sonne sind Symbole für eine neue Chance, für die Überwindung der Nachtseiten des Lebens, eine Chiffre für Erwartung, Hoffnung und Aufbruch. Der Beter spürt die Bereitschaft zu singen und zu musizieren und damit die Morgenröte zu wecken. So ruft der Psalmist zuerst sich selber, dann aber auch Harfe und Saitenspiel auf, mit ihrem Klang das Dunkel zu vertreiben und das Morgenrot zu wecken. Den Menschen der Bibel war das Bewusstsein der Verbundenheit von allem mit allem näher als uns. Für sie war es möglich, die Morgenröte mit Liedern zu wecken. Heute bezeichnen wir ein solches Bewusstsein vielleicht als naiv. Für uns geht die Sonne auf und unter – unabhängig davon, ob wir singen oder nicht. Und doch singen wir jeden Morgen die Laudes, das Morgenlob, beim Übergang vom Dunkel ins Licht. Sind wir deshalb naiv? Wollen wir damit das Morgenrot wecken? Vielleicht! Der Laudeshymnus weist darauf hin. «Die Morgenröte zieht herauf und überstrahlt das Sternenheer, der graue Nebel löst sich auf, Tau netzt die Erde segensschwer. Das Reich der Schatten weicht zurück, das Tageslicht nimmt seinen Lauf und strahlend, gleich dem Morgenstern, weckt Christus uns vom Schlafe auf..» So sind die intensivsten Bilder der Gottessehnsucht, der messianischen Erwartung mit dem Symbol des Morgenrots verbunden. Und es ist wohl eine Lebensaufgabe dieses Morgenrot immer wieder zu wecken. 14 Sr. Renata Geiger, Baldegg
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