baldeggerjournal

Keller’s Reisen David Keller ist Geschäftsführer der Arthur Waser Stiftung in Luzern. In der neuen Rubrik «Keller’s Reisen» reflektiert er Erfahrungen aus seiner überwiegend beruflich bedingten Reisetätigkeit, die ihn in mehr als 75 Länder geführt hat. In dieser Ausgabe schreibt er über Traumtechniken der Mayas in der versunkenen Stadt Yaxchilan in Chiapas, Mexiko. 17 Klarträume der Mayas Im Juli 1995 besuchte ich mit einer kleinen Reisegruppe die MayaRuinen von Bonampak und Yaxchilan im mexikanischen Chiapas. Im Tiefland von Chiapas führen alle Wege nach Palenque – die beiden im Urwald Lacandón versunkenen Städte aber, die ihre Blütezeit in den Jahren 300 bis 900 A.D. hatten, erreicht man nur zu Fuss und nach Bootsfahrt auf dem Usumacinta, dem Grenzfluss zwischen Mexiko und Guatemala. In Bonampak stellen detaillierte, farbige Wandgemälde die rituelle Opferung gefangener Feinde dar. Sie haben das Bild der Mayas als friedliebende Zivilisation relativiert. In Yaxchilan ist es Gebäude 19, «das Labyrinth», das die Aufmerksamkeit fesselt. Ich erinnere mich an mehrere ober- und unterirdische Geschosse, in denen verschlungene Korridore in kleine Kammern münden. Das seien «Liegekammern für Träumer» gewesen, erklärte der indigene Reiseführer. Die Träumer wurden beim Träumen jeweils von «Traumwächtern» bewacht. Für «träumen» brauchte er nicht «soñar», sondern «ensoñar», was mit klarträumen oder wachträumen übersetzt werden kann. Ich stellte ihm Fragen: welche Bedeutung hatte der Klartraum in Yaxchilan? Welche Klarträume mögen sie geträumt haben? Wieso brauchten sie Traumwächter? Nach dem Klartraumforscher Paul Tholey, der an den Universitäten von Frankfurt und Braunschweig lehrte, sind «Klarträume Träume, in denen man völlige Klarheit darüber besitzt, dass man träumt und nach eigenem Entschluss handeln kann». In seinem 1987 erschienenen Buch «Schöpferisch Träumen» beschrieb er, wie man Klarträumen auf einfache Weise lernt. Man fragt sich fünfmal täglich, ob man wach ist oder träumt, und prüft dabei sorgfältig die Umgebung. Ist das, was ich wahrnehme, real oder stimmt irgendetwas nicht? Weiss ich, was ich vor fünf Minuten oder vor einer Stunde getan habe? Kann die Person, mit der ich mich gerade unterhalte, tatsächlich hier und jetzt präsent sein? Nach dreiwöchiger Praxis fand ich mich im Traum in einem Treppenhaus wieder, in dem ich seit 12 Jahren nicht mehr gewesen war, stellte mir gewohnheitsmässig die Frage und wusste sofort, dass ich träumte. Ich untersuchte das grüne 60er Jahre-Treppengeländer, hörte den Schall meiner Schritte im Treppenhaus und roch das Putzmittel. Meine Wahrnehmung war von bestürzender Schärfe. In der Wohnung im dritten Stock traf ich auf meine Grossmutter, die mir erklärte, weshalb sie Lindenblütentee besonders mochte. Dann inspizierte ich mein Zimmer, stellte mich aufs Fenstersims und beschloss, über das Dorf meiner Kindheit aufs weite Feld hinauszufliegen, bis ich euphorisch erwachte. Die Antworten des Reiseführers in Yaxchilan auf meine insistenten Fragen waren: Für die Mayas war der Klartraum der spirituelle Königsweg, um die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung zu überschreiten und in andere Dimensionen zu reisen. Auf ihren Traumreisen lernten sie den Umgang mit fremden Wesen in mysteriösen Welten. Wurden die «Traumkörper» der Träumer durch feindliche Wesen angegriffen oder drohten sich die Träumer in unergründlichen Realitäten zu verlieren, mussten sie von den Traumwächtern in die Wachrealität zurückgeholt werden. Er ging so weit zu behaupten, die besten «Ensoñadores» hätten es geschafft, ihren physischen Körper an einen anderen Ort zu träumen und dort aufzuwachen. Heute kursieren in den Weiten des Internets esoterische Theorien, wonach die Mayas ihre Städte zum Ende des 9. Jahrhunderts nicht deshalb abrupt verlassen haben, weil sie ihre Nahrungsgrundlage zerstört sahen, sondern weil ihre besten Klarträumer ganze Stadtbevölkerungen in andere Dimensionen geträumt haben. Ob das so stimmt, haben uns die Mayas leider nicht überliefert. Paul Tholey aber, ein Vertreter des kritischen Realismus, wollte nicht ausschliessen, dass gewisse Gestalten, die uns im Traum begegnen, ein eigenes Bewusstsein haben. Er starb am 7. Dezember 1998 bei bester Gesundheit, im Alter von 61 Jahren, im Schlaf. Hätte er einen Traumwächter gehabt, wäre er vielleicht am Leben geblieben.

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