baldeggerjournal

Keller’s Reisen David Keller ist Geschäftsführer der Arthur Waser Stiftung in Luzern. In der Rubrik «Keller’s Reisen» reflektiert er Erfahrungen aus seiner überwiegend beruflich bedingten Reisetätigkeit. In diesem BJ setzt er sich dafür ein, Trauerreden zu halten. Das helfe, das eigene Leben besser zu verstehen. 17 Die letzte Reise Anspannen und Entspannen ist das ganze Leben. Ganz am Anfang und ganz zum Schluss dürfte sich wohl das grösste Drama von Zuständen absoluter Anspannung und grösster Entspannung entfalten. Dazwischen herrschen unterschiedlich grosse Spannungskurven mit unterschiedlichen Volatilitäten, wie bei Börsenkursen. Von Mikroanspannung- und Entspannung bei jedem Atemzug über grössere Spannungszustände, wenn Gefühle im Spiel sind, über Daueranspannung in Krisen- und Stresssituationen bis zur Tiefenentspannung, wenn mal Ferien, Sabbaticals oder Retraiten anstehen. Berufliche Anspannung oder Beziehungsspannungen können sich über Jahre aufbauen und es braucht dann grundlegende Änderungen, um wieder in einen Zustand zurückzukehren, in dem Entspannung überhaupt möglich ist. Ich habe im letzten Halbjahr meine beiden Eltern verloren und habe die Tage und Stunden vor dem Hinschied als grosse, angespannte Stressphase der beiden Sterbenden erlebt. Ob der letzte Atemzug mit dem Eintritt des Todes die finale Entspannung bedeutet, kann der normalsterbliche Zeuge schwer beurteilen. Aber die Wahrnehmung der Hinterbliebenen war, dass der letzte Atemzug bei beiden Sterbenden tief war und eine grosse Entschlossenheit zum Ausdruck brachte, die letzte Reise anzutreten. In dieser Rubrik schreibe ich über Erkenntnisse aus meiner «Reisetätigkeit» der letzten 25 Jahre, die mich in mehr als 75 Länder geführt hat. Nun ist meine eigene, «letzte Reise» selbstverständlich noch nicht Teil meiner Reisetätigkeit und die Erkenntnisse dazu sind naturgemäss gleich null. (Auch darf bezweifelt werden, dass ich darüber im Baldegger Journal je einen Beitrag beisteuern könnte). Als Trauerredner durfte ich aber in den 14 Tagen zwischen Tod und Trauerfeier immerhin eine geistige Reise durch das Leben meines Vaters machen. Dazu ist zu bemerken, dass sich mein Vater immer sehr viel Zeit genommen hat für seine Kinder und dass wir ihn vergöttert haben. Die gemeinsamen Erlebnisse gaben deshalb schon viel her, aber die eigentliche Offenbarung für mich war sein Leben ausserhalb der Familie. Die Gespräche mit Freunden, die Verarbeitung der Zuschriften von Wegbegleitern und die Lektüre von Erkenntnissen, die mein Vater in Hunderten kleiner Notizbücher festhielt, hat mir in meinem Fall den Mikrokosmos eines intensiv gelebten Lebens eröffnet. Ich möchte hier deshalb ein Plädoyer halten für Trauerreden. Die intensive Beschäftigung mit dem Leben eines Vaters bringt einerseits so wichtige Erkenntnisse darüber, wer der Vater war, über seine Ideale und seine Werte, auch über seine Siege und unausweichlichen Niederlagen. In meinem Fall brachte mir diese Beschäftigung aber umgekehrt auch Aufschluss darüber, wer ich bin in der Wahrnehmung meines Vaters. Ich verstehe heute viel besser, was er mir mitgeben wollte, wie gewisse Aussagen, auch kritische Fragen, zu verstehen gewesen wären oder zu verstehen sind. Mein Vater war ein Mann der «reflektierten Tat», ein Vertreter der Nachkriegsgeneration, ein Verfechter des Aufbruchs in eine bessere Zukunft. Meine Jugend dagegen war geprägt durch das kollektive Gefühl des «no future» der 80-er Jahre. Er hat mir hin und wieder gesagt, frei nach Shakespeare, meine Generation sei «angekränkelt von des Gedankens Blässe». Im Licht seiner Schaffenskraft und seiner gesellschaftlichen Engagements, die mir erst so richtig bewusst geworden sind beim Schreiben der Trauerrede, erkenne ich etwas spät, welche Hoffnungen er für mein Leben hatte, welche meiner Talente er fördern wollte, welche grossen Taten er von mir (vergeblich) erwartete. Das war aber erstaunlicherweise für mich kein Grund für zusätzliche Trauer, sondern für zusätzliches Verstehen. Ich glaube, ich habe meine Lebensentscheide bewusst getroffen und empfinde deshalb keine Reue. Mir scheint, es gibt Menschen, die unbedingt Geschichte schreiben möchten und andererseits Menschen, die keine Spuren hinterlassen wollen. Ich habe wenig Ambition, Geschichte zu schreiben, denn ich finde, die letzte Reise relativiert die Wichtigkeit jedes irdischen Unterfangens. Was hat Bedeutung, was ist wirklich wichtig, angesichts unseres unausweichlichen Todes? Mein Vater dachte anders, mich aber entspannt diese Frage.

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