baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit Bernard Lenfers Grünenfelder (BL), Gemeindeleiter in St. Johannes, Zug, Kontemplationslehrer und Seelsorger. Er studierte Bibliothekswesen und katholische Theologie und ist ausgebildet in initiatischer Therapie. 10 HWVielleicht kennen Sie das biblische Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen, zu Unrecht als Skandalgleichnis abgetan. Bei einer Führung durch das Basler Münster hat mich die Darstellung der Klugen gepackt. Aus tiefer Sehnsucht brachen sie auf. Ich fand keine Ruhe, bis ich den Fotografen aufgespürt hatte. Es gelang. Seither wachen sie über meinem Arbeitsplatz. Den tieferen Zugang zu dieser Darstellung verdanke ich einer wachen, bildungsoffenen Kursteilnehmerin von damals. Kürzlich feierte sie ihren 106. Geburtstag. Es war so: Wir stiegen in unserm Bildungshaus mit dieser Darstellung in den Jahreswechsel ein. In der Pause überraschte mich die Frau mit der Frage: Weisst du eigentlich um den wirklichen Unterschied zwischen den Törichten und den Klugen? Ich war völlig baff. Es ist ganz einfach, meinte sie: die Klugen erkannten die Bedeutung des Öls für unsere geistig-seelische Lebendigkeit, unsere wache Sehnsucht. Darum trugen sie es stets aufmerksam mit sich. Dieses Öl sei nicht mit andern teilbar. Weil sie ihre Selbstsorge ernst nahmen, mussten sie die Bitte der Törichten abweisen. Töricht meint hier also ganz schlicht: nicht bei sich sein, nicht geistesgegenwärtig, nicht offen für den Anruf des Augenblicks, kurz ‒ nicht wandlungsbereit. Diese Haltung der Klugen lässt sich weder erträumen noch wissenschaftlich beweisen, aber immer wieder gläubig feiernd erfahren. Das bedingt den Sprung über sich selbst hinaus, in die Transzendenz. Bei diesen Überlegungen bin ich zufällig auf dein Buch «Wandlungsweg Messe» gestossen. Das nährt meinen Traum von der verwandelnden Kraft unseres, meines Glaubens. BL Oh, geschätzte Hildegard, dein öliger Auftakt wirkt sehr konkret nach. Ich bin zurück im Griechenland-Urlaub 2001. Unser Erstgeborener noch ein Kleinkind. Olivenöl, geliebtes Grundnahrungsmittel zu allen Mahlzeiten. Mehrmals täglich strichen wir dasselbe Öl als Schutz auf die Haut und kamen ohne Sonnenbrand durch die drei Wochen. Selbst knirschende Scharniere verwandelte das Olivenöl: Leicht schwang die Eingangstür unseres Appartements, aussen und innen verbunden. Die Olivenbäume in Strandnähe, sie spendeten Schatten und erzählten in unserem Dämmern und Ruhen der Mittagshitze ihre jahrhundertealten Geschichten. Im tieferen Sinne ist mir die Erfahrung vom Sommer auf Lesbos ein Gleichnis für Wandlung. Das Notwendige ist da, Mensch, Erdling, Adam aus Adamah. Du bist genährt. Geschützt. Und zugleich (!) durchlässig. Ein Baum, verwurzelt und offen zum Himmel. Darin eingebunden in den Strom von Zeit und Ewigkeit. «Wandlungsweg Messe», ein Freund war der erste kritische Leser und Geburtshelfer meines Buches. Als praktizierender Buddhist und Zen-Meister konfrontierte er mich mit einer grundlegenden Irritation: «Wir leben im Jetzt, Hier, wo sonst? Da gibt es nur diesen einen Augenblick! Was redest du als Christ immer von Wandlung? Life ist already perfect!» Seine Frage nach der Notwendigkeit von Wandlung lässt mich unruhig zurück. Als Mensch, der Kontemplation, der Sitzen in Stille seit 40 Jahren übt, verstehe ich, was meinen Freund bewegt. Tiefes Einssein mit allem erlebe ich in der Stille als Geschenk. Es sind Augenblicke, wo nichts fehlt. Und zugleich bin und bleibe ich «Jungfrau», Gefäss für den Anspruch Gottes. Dieser Anspruch verlangt meine Lebensantwort. Gehorsam im Grunde meiner Seele. Meine Bereitschaft weiter zu gehen. Mich wandeln zu lassen! HWDie weckende Frage deines buddhistischen Freundes irritierte mich nur kurz. Eingebunden in den Strom von Zeit und Ewigkeit geschieht uns und allen Geschöpfen fortwährend Wandlung. Wir Menschen leben in einer begrenzten Welt; das empfinden wir oft schmerzlich. Aber wir erfahren Leben als Werden‒ bis zum letzten Atemzug. Und dieses Werden geschieht durch Wandlung. Das Gefängnis des Ichs ist nicht das Letzte. Es gibt einen weiteren Horizont, nämlich unsere untilgbare Sehnsucht nach dem Wahren, Guten und Schönen. Als vernunftbegabte Geschöpfe können wir uns dafür wachhalten. Wir können vom empfangenen Reichtum herzhaft verschenken und uns dabei treu bleiben wie die klugen Jungfrauen. Was aber hält uns wach für den Einbruch des Göttlichen, des Heiligen und Ewigen in unsere gierige, schnelllebige Zeit und Welt? Von Kindheit an hilft mir dabei die gelebte und gefeierte Liturgie, ihre Schönheit, Tiefe und ihr Lichtglanz. Liturgisches Feiern schenkte mir Zugehörigkeit, Beheimatung, wirkte der Einsamkeit entgegen. Es strahlte hinein ins familiäre Feiern wie Geburtstage und ins gelebte Brauchtum im JahresAlles beginnt mit der Sehnsucht

RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=