9 Wachen, wenn andere schlafen Sr. Silja Richle, Baldegg Sr. Silja Richle, Baldegg Schon als Kind faszinierte mich die Nacht. Wie oft schaute ich staunend in den Sternenhimmel, etwas von der Grösse des Weltalls erahnend! Ich war mir sicher: diese leuchtenden Himmelsboten wachen über uns. Im Kloster wurde mein Staunen noch grösser. In klaren Nächten gab mir Sr. Mechtild, unsere Lehrerin für Kunst und Zeichnen, ihr grosses astronomisches Wissen weiter. So erhielten meine Sterne und Sternbilder einen Namen. Fantastisch, was sie mich lehrte über Sterne und Planeten, Sternbilder und Galaxien, über die Dimensionen des Universums, über die kosmische Vielfalt! Noch immer suche ich den Himmel ab nach bekannten Sternbildern und spüre so in der Stille der Nacht einen Hauch der Ewigkeit. Auch mit Sr. Marzella, unserer Biologin, ging ich auf nächtliche Entdeckungsreisen. Ausgerüstet mit einer Taschenlampe besuchten wir in der Umgebung Kiesgruben mit ihren Tümpeln. Frösche, Kröten, Unken, Molche liessen uns erfahren, wie belebt die Nacht ist. Entzückt vernahmen wir das leise Rufen der Geburtshelferkröte als wären es Glöckchen. Wir beobachteten die Männchen, die die Eischnüre um die Beine trugen. Ein einziges Mal zeigte sich uns der kleine Laubfrosch mit seiner grossen Schallblase und wir hörten sein lautes, tiefes Quaken. Er ist bei uns längst verschwunden. Wir lauschten fasziniert der Nachtigall mit ihrem wunderbaren Gesang mit Trillern, mit flötenden und schluchzenden Elementen, manchmal langsam und leise, dann explosiv und laut mit wehmütigen in der Tonhöhe abfallenden Reihen. Begeistert sahen wir das magische Licht der Leuchtkäfer an einem Waldrand. Es waren Nächte voller Wunder und Geheimnisse. Das erfahre ich auch im Pflegeheim unseres Klosters. Ich beginne meinen Nachtdienst in Gedanken an die Menschen, die wie ich beruflich wachen. Und ich denke an jene, die nicht schlafen können, die leiden und traurig sind, auch an alle, die bereits schlafen. Für alle erbitte ich den Schutz Gottes und ein Licht in der Dunkelheit. Als Nachtwache darf ich dafür sorgen, dass meine Mitschwestern Ruhe und Erholung finden können. Nachts ist es ganz still auf der Pflegeabteilung. Mit Ruhe und Aufmerksamkeit versuche ich, allen die nötige Pflege und Unterstützung zu geben. Die Kranken spüren jede Hast und Ungeduld. Neben regelmässigen Rundgängen durch die Abteilung bin ich da für jede Schwester, die läutet und Hilfe braucht, wenn Beschwerden und Unruhe den Schlaf stören. Manchmal helfen ein paar Worte des Verstehens, ein kurzes beruhigendes Gespräch, wenn noch etwas vom vergangenen Tag belastet. Oft spüre ich einen tiefen Frieden in der Nacht. Ich bin gerne für meine Schwestern da. Immer berührt es mich, in die schlafenden Gesichter zu schauen. Viele Geschichten ihres langen Lebens sind darin eingezeichnet, bisweilen auch Spuren des Leidens in ihrer Gebrechlichkeit. Ich durfte schon viele sterbende Schwestern begleiten in der Nacht. Es ist jedes Mal eine tiefe Erfahrung, wenn ein langes Leben vollendet ist, wenn ich mitgehen darf bis zum Tor, das zum neuen Leben führt. Kürzlich las ich: «Auch das Gebrauchtwerden ist eine Kraftquelle» (Gabriele von Arnim). Genau das erlebe ich. Kraft gibt mir das, was ich für andere tue. Wachen, damit meine Schwestern eine ruhige Nacht erleben, schenkt mir Kraft. Mit Liebe und Freude zu wachen, macht es leichter.
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