baldeggerjournal

Psalmen «Sie gehen und weinen. Sie kommen mit Freude.» Diese Worte fangen das menschliche Leben in seiner ganzen Bandbreite ein. Sie beschreiben den Zyklus des Lebens, die Höhen und Tiefen, die jedes Leben prägen. Für Psalm 126 aber umschreiben diese Worte noch mehr, nämlich Gegenwart und Zukunft. Er beginnt mit einem "Zukunftstraum", der der Realität glaubend und hoffend entgegengestellt wird. Und dass dieser Traum sich erfüllen wird, ist für ihn so gewiss, wie JHWH ist, der Gott, der dem Volk nahe ist und sich in der Geschichte seines Volkes zuverlässig als Gott des Lebens und der Freiheit erwiesen hat. Der Traum In den ersten drei Versen entwirft der Psalm die grossartige Zukunftsvision einer Heilswende, die bei den Betern des Psalms ein Lachen und ein Jubeln auslöst, bei den anderen Völkern aber ein Bekenntnis zu JHWH, der Grosses für sein Volk wirkt. Es ist eine Botschaft der Hoffnung auf all das, was noch nicht eingelöst ist. Sie geht davon aus, dass es mehr geben muss als das, was vor Augen ist. Mehr als alles, was die Menschen in der Gegenwart ertragen müssen, denn sie leben in der Unfreiheit des babylonischen Exils. Die grosse Heilswende, auf die sich der Psalm bezieht, bedeutet Ende des Exils, die Erlösung Israels aus der Gefangenschaft, die Sammlung der Zerstreuten und die Wiederherstellung des Zion als Ort des Segens. Mit einem Wort: es geht um einen Zustand von Shalom – von Frieden, von dem Israel auch heute noch und mehr denn je, weit entfernt ist. Gehen mit Tränen – Kommen mit Freude «Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Grosses an ihnen getan! Der HERR hat Grosses an uns getan; des sind wir fröhlich.» Ps 126,1-3 Die Realität Die Realität sieht bis heute anders aus, besonders auch im Blick auf den Konflikt im Gazastreifen. Aber trotz allem ist der Traum immer noch da, aber eben als Traum, der aber Hoffnung auf die Zukunft gibt und hilft, die Gegenwart nicht nur zu ertragen, sondern zu verändern. Darum ist die zweite Strophe eine Bitte um Veränderung, und sie ist aktueller denn je. «HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland.» Ps 126,4 Gewiss, die Bitte ist noch nicht Veränderung, aber sie ist der Widerstand gegen alle Versuchung, den Status quo als Realität zu akzeptieren. Wer aber um Veränderung bittet, muss bereit sein, sich selbst zu ändern und sich ändern zu lassen. Und zwar mit der Macht, die ausgetrocknete Wadis in der Negev mit Wasser zu füllen vermag, sodass sich die Steppe in ein blühendes, fruchtbares Paradies verwandelt. Dann, aber erst dann, so erzählt der Psalm weiter: «Werden die, die mit Tränen säen, mit Freuden ernten.» Ps 126,5 Die heutige Realität sieht anders aus. Immer noch «gehen sie hin und weinen», Ps 126,6a. Das «Kommen mit Freude aber», ist immer noch ein Traum. Ps 126,6b. Davon zeugt auch ein Psalmausschnitt eines Betroffenen vom 7. Oktober 2023: «Siehst du die Tränen, bewegt dich das nicht? Ewiger, Unbegreiflicher, Missbraucht wirst du schamlos von beiden Parteien. Fahre dazwischen, lösche die Feuer. Die Besonnenen stärke, die Grausamen schwäche. Und lass mich nicht hassen, trotz meiner Wunden, damit die Hoffnung auf Frieden in mir nie erlischt. shalom für Israel, salam für Palestine.» Stephan Wahl, 7.Oktober, Simchat Torah, 2023 13 Sr. Renata Geiger, Baldegg

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