Franziskanische Inputs Lieber Bruder Franziskus Was haben deine Brüder gedacht, als du ihnen diese Mahnung erteiltest? «Schon wieder eine fromme Mahnung!» «Als käme uns dies nicht selber in den Sinn.» «Wir wissen, wie wir zu gehen haben.» Oder vielleicht: «Das ist es! Durch unser Beispiel können wir Menschen vom Guten überzeugen und wahrhaft Frieden wünschen.» Du weisst, ich schreibe dir ab und zu einen Brief, um mir wieder bewusster zu werden, wie du gelebt hast und was deine Botschaft ist. Zu deiner Mahnung kommt mir in den Sinn, wie wichtig dir war, dass deine Brüder ihren Weg nach deinem Beispiel gingen, nämlich froh und glaubhaft Zeugnis gebend von der alles umfassenden Liebe Gottes. Du wolltest, dass deine Brüder geschwisterlich und sanftmütig unterwegs waren, verbunden mit der ganzen Schöpfung, mit Menschen, Tieren und Pflanzen. Für dich war die gesamte Schöpfung ein Abbild der Grösse Gottes. Deine Brüder sollten friedfertig und Frieden bringend durch die Welt ziehen. Aber nicht nur deine Brüder, auch wir haben diesen Auftrag! Vielleicht kennst du das spanische Sprichwort: «Der Weg beginnt vor deiner Tür»? Ich behaupte, das stimmt so nicht, denn der Weg beginnt in mir! Nimm dich selbst als Beispiel. Dein äusserer Weg begann in Assisi. Bevor du ihn jedoch gehen konntest, musstest du zu dir selber finden. Wir Menschen sind unser ganzes Leben lang auf dem Weg zu uns selber, zur Erfüllung unserer Sehnsucht. Wir suchen nach dem Sinn des Lebens und gehen unseren Weg oft mit Fragen, manchmal gelassen oder ungeduldig, oft durch Höhen und Tiefen. Dein Leben bestand aus Bewegung und Innehalten, aus Höhen und Tiefen, aus Gehen und Kommen. Es war vorwiegend ein Pilgerweg. Der Sinn des Pilgerns ist es, zu sich selbst zu gelangen, stille zu werden, wahrzunehmen, was einem beschäftigt, auf das Innere zu hören und zu spüren, wann es gilt, loszulassen oder etwas zu ändern. Das Besondere bei dir war, dass du beim Gehen deine Gedanken auf Gott ausgerichtet und versucht hast, auf ihn zu hören. Dein Ziel war Gott, das ewige Leben. Du hast dich auf radikale Weise auf den Weg gemacht, alles verlassen, bist ohne Besitz und somit frei gewesen. Dieser Lebensstil ist bezeichnend für dich und deshalb eine grundlegende franziskanische Haltung. Heute ist pilgern modern. Unzählige Menschen pilgern aus verschiedenen Gründen zu Fuss, viele Kilometer weit. Zum Teil tun sie dies, um jene christlichen Eigenschaften zu leben oder zu erfahren, die du deinen Brüdern mit auf den Weg gegeben hast. Viele aber pilgern bewusst, um vom Alltag abzuschalten, um zu guten Entscheidungen zu finden oder um Zuversicht, Freude und Frieden zu erlangen. Weisst du, dass es dir zu Ehren einen 436 km langen Franziskusweg gibt? Er führt durch die schöne Landschaft von La Verna über Assisi nach Rom. Man kann jene Strecken zurücklegen, die du selbst gegangen bist. Mit eigenen Augen kann man jene Landschaft bewundern, die du gesehen und Gott dafür gepriesen hast. Wer entspannende Ferientage geniessen möchte, sollte sich überlegen, ein Stück dieses Franziskusweges zu gehen. Dies wird helfen, nach dem Zurückkommen den Alltag gelassener anzugehen. Wie schön wäre es, man könnte dir auf diesem Weg leibhaftig begegnen. Jemand hat einmal gesagt: «Pilgern ist beten mit den Füssen.» Du würdest diese Aussage wahrscheinlich bestätigen, aber deine Mahnung hinzufügen, friedfertig, bescheiden und sanftmütig zu gehen. Pace e bene! Deine Sr. Nadja «Ich ermahne meine Brüder im Herrn Jesus Christus, dass sie, wenn sie durch die Welt ziehen, nicht streiten, noch andere richten. Vielmehr sollen sie milde, friedfertig und bescheiden, sanftmütig und demütig sein und mit allen anständig reden, wie es sich gehört. … Welches Haus sie auch betreten, sollen sie zuerst sagen: ‹Friede diesem Haus›.» (BR 3, 10-13) 12
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