Zwei Meinungen – ein Thema Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit Renata Asal-Steger (RAS), Synodalrätin der römischkatholischen Landeskirche des Kantons Luzern. Bis Ende 2023 Präsidentin der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) und Schweizer Online-Delegierte bei der Kontinentalsynode in Prag. 14 HW Wenn mich die alltäglichen Ereignisse manchmal zu überrollen drohen, wenn es einfach zu viel wird, sage ich mir: «Ich muss wieder zu mir kommen, als wäre ich mir im täglichen Vielerlei abhandengekommen. Ich halte inne, atme tief durch, bin einfach da.» In einem solchen Innehalten fielen mir kürzlich die Worte von Angelus Silesius ein, die er seinem Cherubinischen Wandersmann ins Herz legte: «Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir! Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.» Ja, wir Menschen sind im steten Kommen und Gehen. Nur selten finden wir die Heimat, die wir zum Bleiben brauchen. Die uralten Fragen – Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir? Was wollen wir? Was sollen wir? – halten uns auf Trab. Im Brief an einen jungen Dichter schrieb Rainer Maria Rilke einst: «Wenn man die Fragen lebt, lebt man allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.» Dafür müssen wir anhalten, den Himmel in uns spüren und vielleicht umkehren, uns bewegen lassen zum beseelten Kreisen. Das ist weit mehr als GEHEN und KOMMEN. Rilke sagt es in einem seiner bekannten Gedichte so: «Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn. Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, ich kreise jahrtausendelang; und ich weiss noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein grosser Gesang?» Der grosse Seelenversteher, Prof. Daniel Hell, zeigt in seinen beiden Spätwerken «Die Wiederkehr der Seele» und «Das Selbst in der Krise – Krise des Selbst» eindrücklich auf, dass wir Menschen mehr sind als Gehirn und Geist – nämlich beseelte Beziehung. RAS Ja, wir Menschen haben Gehirn und Geist. Wir haben Körper und Verstand. Aber wir Menschen sind weit mehr als das. Als Menschen sind wir auf Beziehung angewiesen und ausgerichtet. Wir brauchen Begegnung und leben vom Aufeinander-zu-GEHEN und vom Bei-sichan-KOMMEN. «Der Mensch wird am DU zum ICH». So formulierte es der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber. Das DU umfasst für Buber sowohl das menschliche als auch das göttliche Gegenüber. Er verdichtete seine Philosophie in der Aussage: «Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Wenn wir aufhören, uns zu begegnen, ist es, als hörten wir auf zu atmen.» Ohne echte Begegnung fehlt uns Menschen der Lebensatem. Wir vegetieren dahin und das Leben rast an uns vorbei oder verdunstet. Wahre Begegnung hingegen verlangt nach einem alltäglichen, einem lebenslangen Unterwegssein. Es ist ein fortwährendes Hinaus-GEHEN. Nur so ist ein AnKOMMEN bei sich möglich. Echte Begegnung heisst aber nicht nur auf jemanden zuGEHEN, sondern heisst ebenso, jemanden bei sich anKOMMEN lassen, sich auf das Gegenüber einlassen. Gerne füge ich an dieser Stelle ein Gebet der französischen Schriftstellerin und katholischen Mystikerin Madeleine Delbrêl (1904 –1964) an: «Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen, ohne die Erwartung von Müdigkeit, ohne Plan von Gott, ohne Bescheid wissen über ihn, ohne Enthusiasmus, ohne Bibliothek. Geht so auf die Begegnung mit ihm zu. Brecht auf ohne Landkarte. Und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist, und nicht erst am Ziel. Versucht nicht, ihn nach Originalrezepten zu finden, sondern lasst euch von ihm finden in der Armut eines banalen Lebens.» Der Text ermutigt und lädt ein, ohne vorgefasste Ideen, ohne Erwartungen und ohne Plan in den Tag hinaus- und auf den Anderen, auch den ganz Anderen, zuGEHEN und sich finden lassen, um so in Gemeinschaft mit IHM bei mir anzuKOMMEN: Wagen wir ein solches GEHEN und KOMMEN? HW In diesem Wagen liegt der Auftrag «Erkenne dich selbst». So war es schon im 5. Jh. v. Chr. auf einer Säule des Apollotempels in Delphi zu lesen, verstanden als Hinweis auf die Verletzlichkeit des Menschen. Das gilt noch heute. Wir Mensch sollen um unsere Abhängigkeiten wissen und das richtige Mass in allem Tun und Lassen immer wieder suchen, um so in Stimmigkeit mit uns selbst, der Mitwelt und der ganzen Schöpfung zu leben. Inzwischen haben sich die Lebensverhältnisse grundlegend verändert. Aus dem «Erkenne dich selbst» bzw. «Erkenne deine Möglichkeiten» wurde ein ständiges «Halt an, wo läufst du hin – der Himmel ist in dir…»
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=