15 Überbieten und Ausbeuten des «Selbst». Dafür stehen die Schlagworte: Selbstbehauptung, Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung. Das Ersetzen der Seele durch das «Selbst»hat unser Bild vom Menschen grundlegend verändert und damit auch die seelischen Probleme, die uns heute zu schaffen machen. Irgendwie glauben wir doch heute, das Böse sei überwunden. Die Themen: Sünde, Schuld und Vergebung, Strafe, Fegefeuer und Hölle seien Relikte einer alten Zeit, einer veralteten Moral. Und siehe da: das Böse kehrt in neuer Heftigkeit zurück: In Lug und Trug, in der Klimakatastrophe, in der Konsumgier, im Töten und Vernichten, in der kriegerischen Grausamkeit unserer Tage. Der Mensch bleibt ein Suchender und Sehnender. Er sucht das Grössere, das Ganze, das Bleibende, das Heile. Er sucht den Himmel. In dieser seelischen Erfahrung kehrt Gott heute in unsere Zeit zurück. Ob wir offen sind dafür? RAS Ich stimme Dir vollends zu. Uns Menschen fällt es schwer, das für uns richtige und wohltuende Mass zu finden. «Erkenne Dich selbst!» Dieser Auf- und Weckruf ist alles andere als ein Spaziergang. Nur allzu gerne lassen wir Menschen uns täuschen und verführen von Dingen und Überzeugungen, die uns nicht guttun. Wir lassen uns einlullen von Belanglosigkeit und Oberflächlichkeit und machen uns vor, wir wären glücklich, wenn wir reich wären, in die Malediven reisen oder eine einflussreiche Stelle in Wirtschaft oder Politik bekleiden könnten. Mehr Geld. Mehr Einfluss. Mehr Macht. Davon werden wir Menschen unentwegt angezogen. Diese Magie werden wir kaum los. Da bin ich ganz bei Dir. Jedoch habe ich persönlich nie geglaubt, dass das Böse überwunden ist. Im Gegenteil! Ich bin fest überzeugt, das Böse war und ist immer Teil des Menschseins. Auch Begriffe wie Sünde, Schuld, Vergebung, Strafe, Gericht, Fegefeuer und Hölle sind nicht Relikte einer alten Zeit. Sie sind auch heute noch präsent, jedoch unter anderen Bezeichnungen: Gewalt, Korruption, Ausbeutung, Unterdrückung, Missbrauch. Die Frage nach dem Bösen treibt mich seit jeher um: Warum kann der Mensch so grausam sein? Warum beutet er andere schamlos aus? Warum lässt er sich immer wieder in den Bann des Bösen, der Grausamkeit und der Ungerechtigkeit ziehen? Wir Menschen sind nach Gottes Ebenbild geschaffen (Genesis 1,26f) und beschenkt mit Willensfreiheit, oder anders gesagt: Wir haben sowohl die Freiheit als auch die Fähigkeit, uns für oder gegen etwas zu entscheiden. Wir tun uns jedoch unheimlich schwer im Umgang mit dieser geschenkten Freiheit, sind ständig Suchende und Verirrende. Bildlich eindrücklich in Worte gefasst hat dies für mich Antoine de Saint-Exupéry in «Der kleine Prinz»: «Die Leute bei dir, sagte der kleine Prinz, züchten fünftausend Rosen in einem Garten … und dennoch finden sie nicht, was sie suchen ... Und doch könnten sie es in einer einzigen Rose oder in einem einzigen Schluck Wasser entdecken …». HW Ja, das Böse gehört zum Menschen, das war und bleibt so. Wir leben immer in Situationen, aus denen wir nicht ohne Kampf und ohne Leid herausgehen. Dabei laden wir unvermeidlich Schuld auf uns, bis dass wir sterben müssen. Das ist der grosse Unterschied zu unserm Gott, der von Ewigkeit zu Ewigkeit unverändert «west», während wir uns ständig und unausweichlich in einem Netz von Bedingungen, Einflüssen und Herausforderungen befinden, auf die wir denkend, fühlend, wollend, unterscheidend und handelnd antworten müssen. Wir können es, dank unserer Gottebenbildlichkeit, an die du erinnerst. Die will gelebt werden oder wie E. Kästner sagt: «Es geschieht nichts Gutes – ausser man tut es». Das gehört zum Kern der menschlichen Freiheit. Und wir leben vorwärts – immer auf dem Boden unseres bisher gelebten Lebens. Im Blick zurück können wir für das Kommende dazu lernen und offen bleiben für das Gute – obwohl heute das nackte Böse allgegenwärtig ist. Wir müssen und können es nicht erklären, das Böse. Wir können aber unsere eigene Anfälligkeit im Blick behalten, auf unsere Verführbarkeit achten. Gegen das «Mehr», das «Schneller» und «Besser» sind wir
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