baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema 16 nicht gefeit, aber wir bleiben dabei nicht stehen, sondern trauen dem Schatz unserer guten Erfahrungen. Wir leben das «Erkenne dich selbst». Der Preis dafür ist das ständige Üben der hohen Kunst des Verzichts, der freiwilligen Selbstbeschränkung. Der kleine Prinz hat es begriffen. Mir fällt es noch heute nicht leicht. Aber anders kommen wir nicht zu jenem Halt, jener Verwurzelung, welche die Lyrikerin Hilde Domin in ihrem Gedicht «Ziehende Landschaft» meint: «Man muss weggehen können und doch sein wie ein Baum: als bliebe die Wurzel im Boden, als zöge die Landschaft und wir ständen fest. Man muss den Atem anhalten, bis der Wind nachlässt und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt, bis das Spiel von Licht und Schatten, von Grün und Blau, die alten Muster zeigt und wir zuhause sind, wo es auch sei, und niedersitzen können und uns anlehnen, als sei es an das Grab unserer Mutter.» RAS «Man muss weggehen können und doch sein wie ein Baum: als bliebe die Wurzel im Boden, als zöge die Landschaft und wir ständen fest». Ein wunderbares Bild: aufbrechen und gleichzeitig fest verwurzelt sein! Welch ermutigendes Lebensgefühl! Welch stärkende Lebenseinstellung! Ich wage jedoch zu behaupten, dass dieses Gefühl von fester Verwurzelung in unserem Leben immer wieder durchgeschüttelt wird. Fühlen wir uns nicht meist eher ruhelos als verwurzelt, getrieben von unzähligen Anforderungen und Verpflichtungen? Fest im Griff hält uns beispielsweise der Konsum jeglicher Art. Diesbezüglich lassen wir uns kaum beirren, obwohl wir wissen, dass wir durch unsere Unersättlichkeit die eigenen Lebensgrundlagen zerstören. Denn: Verzicht setzen wir gleich mit Verlust. Verzichten ist nicht populär. Dass ein Weniger auch lebenserfüllend sein kann, machen Franz von Assisi und Klara deutlich. Zu Lebzeiten verband die beiden eine enge Freundschaft. Der Vater von Franz war Tuchhändler mit einflussreichen Handelsbeziehungen. Franz sollte in seine Fussstapfen treten. Doch er entschied sich gegen ein Leben in Prunk und Ansehen. Er verzichtete auf Reichtum und Karrieremöglichkeiten. Auch Klara stammte aus einer wohlhabenden und einflussreichen Familie. Die Beiden traten aus ihrer Zeit heraus und zeigten neue Wege auf, das Evangelium konkret zu leben: in ihrer grossen Verbundenheit mit der Schöpfung und in ihrer Hinwendung zu den Armen und an den Rand Gedrängten. Ihre ansteckende Lebensfreude und ihr Lebensmut waren Ausdruck einer tiefen Verwurzelung bei Gott. Dieses bedingungslose göttlich Aufgehoben- und Gehaltensein hat der Kabarettist und Schriftsteller Hanns Dieter Hüsch einzigartig in Worte gefasst: "Ich bin vergnügt, erlöst, befreit, Gott nahm in seine Hände meine Zeit, mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen, mein Triumphieren und Verzagen, das Elend und die Zärtlichkeit.» So versuche ich immer wieder, meinen Alltag zu durchbrechen und meinen Blick und mein Handeln zu weiten für eine menschlichere Welt, weil ich mich bei Gott aufgehoben und gehalten weiss. HW Du bringst es auf den Punkt. An einer menschlicheren Welt mitzuwirken; das ist und bleibt unsere dringlichste und vornehmste Aufgabe. Du sagst, wie das für uns begrenzte Menschen möglich ist. In diesem Sinne bete ich die Vaterunser-Bitte «Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden», – immer bewusster und vertrauender. Das uns zugesprochene kommende Reich ist das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. Sein Kommen braucht uns Menschen hier und heute. So gross denkt Gott von uns. Darum gilt auch heute: «Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir; Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.» Angelus Silesius «Gehen und kommen» - In diesen beiden Worten steckt viel Dynamik, Bewegung, Freiheit, - wenigstens, solange ich mobil bin. Da kann ich hingehen, wohin ich will: Ich kann die weite Welt erkunden, Neues entdecken, mich in die Ferne begeben, mich leiten lassen von meinen Wünschen. Wandern in den Ferien, im Gehen die Natur entdecken, mich davon stärken zu lassen, – das war mir immer eine grosse Freude. Bis ein fataler Sturz auf einer dieser Wanderungen in einem Bruchteil einer Sekunde dem allem ein Ende setzte. Und nun? Hadern? Den Kopf in den Sand stecken? «Loslassen» heisst die harte Lektion. Aber es eröffnet sich auch noch eine andere Perspektive. Jetzt lasse ich in Gedanken all die schönen Erinnerungen zu mir kommen und freue mich an all dem Schönen, das ich erleben durfte. Das Gehen und Kommen hat jetzt seine Grenzen. Sagt nicht Jesus bei Johannes 10,9: «Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.» Der Blick auf Jesus vermittelt mir neue Dimensionen. Mein Schwerpunkt verlagert sich. In mir entsteht eine immer grösser werdende Dankbarkeit und Zufriedenheit. Sr. Francesca Schlumpf ZweiMinutenPredigt

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