baldeggerjournal

8 Sr. Senorina kommt immer wieder nach Europa Sr. Senorina Lukwachala im Gespräch mit Gabriela Christen Ich treffe Sr. Senorina Lukwachala im Kloster Baldegg, wo sie während ihres Aufenthalts in der Schweiz wohnt. Nach Europa gekommen ist sie wegen einer Konferenz zum Thema der nachhaltigen Landwirtschaft: Sie ist nämlich die Generalvikarin (die zweitwichtigste Position) der «Franciscan Sisters of Charity», die auch als Mahenge-Schwestern bekannt sind. Das Zentrum dieser Gemeinschaft befindet sich in Ifakara, wo die Baldegger Schwestern seit 1922 tätig waren und Spitäler, Buschkliniken und ein Leprazentrum gründeten. Später kamen auch Waisenheime und Schulen dazu. Die Schweizer Schwestern hatten hier 1940 einen neuen Orden gegründet: «Ifakara ist das Herz der Schweizer Missionstätigkeiten. Wir sind der grösste Nachfolgeorden der Baldegger Schwestern, und man spürt bei uns den Schweizer Einfluss, vor allem in den Schulen und in den Spitälern», erzählt Sr. Senorina. Sr. Senorina hat ihre Ausbildung in Europa gemacht, dort europäische und afrikanische Geschichte studiert und danach einige Jahre in England gearbeitet. Dabei hatte sie auch Gelegenheit zu reisen. Ich frage sie nach ihrem Lieblingsland und schmunzle wegen ihrer wenig überraschenden Antwort: «Die Schweiz hat mir am besten gefallen, obwohl ich Frankreich, Deutschland und weitere Länder besucht habe. Und das, obwohl ich die Sprache nicht kann.» Sr. Senorina ist sich also an das Gehen und Kommen zwischen Afrika und Europa gewohnt. Wie aber war es beim ersten Mal? «Ich war damals 32 Jahre alt, und es war eine gute Erfahrung, obwohl vieles ganz anders war als in Tansania. Ich hatte noch nie einen Computer angefasst, also musste ich schnell lernen.» Sie kennt die Unterschiede in den Kulturen aufgrund ihres Lebens in Afrika und Europa gut: «Tansania liebe ich, es ist sehr freundlich und friedlich. Aber Tansania ist so langsam im Vergleich zur Schweiz. Niemanden kümmert es, so viel Zeit für seine Arbeit zu brauchen. Ich war schockiert, als ich aus Europa zurückkam.» Sie lacht herzlich über ihre Beobachtung, sieht aber auch das Positive an ihrem Land, beispielsweise in der starken Rolle der Religionen in Tansania: «Für uns ist Gott immer das Wichtigste im Leben. Ohne Gott ist man allein, man ist nichts. So erleben wir die Zugehörigkeit zur Religion.» Die Religion prägt auch das ganze Sozialleben, die Musik, das Essen, die Bildung, die Gesellschaft. Vieles ist über die Religion organisiert: «Wir leben in Tansania in kleinen, religiösen Gemeinschaften zusammen, die sich jede Woche treffen und zusammen essen und beten.» Hier sieht Sr. Senorina auch die grössten aktuellen Unterschiede zwischen Afrika und Europa: «Wir haben in unserem Orden von den Baldegger Schwestern gelernt und haben das Verständnis, dass wir die ‹Töchter unserer Mütter›, der Baldegger Schwestern, sind. Aber leider ist heutzutage in Europa das Christentum schwach.» Während die Orden in der Schweiz schrumpfen, werden sie in Tansania grösser. Der Weg ins Kloster ist attraktiv für junge Frauen: «Wenn sich eine Frau entscheidet, so sind ihre Familie und ihre Gemeinschaft glücklich und stolz. In jeder Familie muss jemand etwas Besonderes sein, entweder Pfarrer, Politiker oder Klosterfrau. Die Familie will wissen, dass jemand für sie betet.» So wachsen die Orden und der Katholizismus, zusammen mit der Bevölkerung: «Afrika wächst, allein in Daressalam sind es 200 Pfarreien, und jedes Jahr kommen neue dazu. In Tansania haben Familien häufig sehr viele Kinder.» Und Sr. Senorina findet das Wachsen der Orden gut, weil der junge Staat die Schwestern braucht: «Wir möchten weiterwachsen, weil die Gesellschaft uns nötig hat. Wir sind auch teilweise vom Staat angestellt, beispielsweise, wenn die Schwestern im Spital arbeiten. Wir haben eine gute Partnerschaft, unsere Schwestern werden bezahlt.»

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